Zwei plus drei ist violett (Teil 3)

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Quantität vor Qualität

Es ist kaum möglich, auf Befehl innovative Ideen zu produzieren. Damit das besser funktioniert, sollte man vorher ausgiebig üben – und dabei keine Angst haben zu versagen. Angst und Druck von außen hemmen uns, sodass uns kein kreativer Gedanke kommt. Um wirklich erfolgreich zu werden, sollte man Niederlagen nicht so ernst nehmen und ins Tun kommen. Picasso hat in etwa 20.000 Werke erschaffen und bei Weitem nicht alle davon haben Berühmtheit erlangt. Mach es wie der Maler: Arbeite kontinuierlich und stell dich darauf ein, dass das meiste davon nicht brillant sein wird, nicht einmal brauchbar. Hab keine Scheu davor, auch blöde oder absurde Ideen zu haben. Es braucht jede Menge schlechter Ideen, damit eine wirklich gute dabei ist. Bleibst du in einem stetigen Schaffensprozess, kommst du nach und nach zu immer besseren Ergebnissen. Das Prinzip von Trial and Error sollte nicht nur für physikalische Experimente gelten, sondern für jedes Gebiet, mit dem du dich beschäftigst.

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Skizziere etwas, baue einen Prototypen und schau, was davon funktionieren könnte. Probiere verschiedene Aktivitäten aus, neue Hobbys, neue Sportrichtungen, iss ein neues Gericht, kurz: experimentiere herum. Und lass dich auch auf Dinge ein, die für dich fachfremd sind: Sieh dir eine Sendung an, die du sonst nicht guckst, lass dir eine Internetseite aus einem dir fremden Land ins Deutsche oder Englische übersetzen und stöbere darin herum – auch hierdurch gewinnst du neue Eindrücke.

Schön locker bleiben

Den einen kommen die besten Ideen unter der Dusche oder während eines Spaziergangs. Anderen bei einfachen Sportübungen. Oder aber wenn sie betrunken sind. Dies ist kein Zufall, denn bei all diesen Tätigkeiten ändern sich unsere Gehirnwellen im Vergleich zu einem sehr konzentrierten Zustand. Oft ist es so, dass wir, wenn wir mit einem Problem nicht weiterkommen, uns noch mehr konzentrieren, den Fokus enger machen – und ihn dabei auf den falschen Aspekt richten. Falsch deshalb, weil die Lösung in etwas Nebensächlichem liegen kann, was man jedoch bei zu engem Fokus ausblendet. Daher ist es sinnvoll, seine Aufmerksamkeit zu erweitern, indem man sich entspannt, zwar immer noch wach bleibt, aber trotzdem etwas in sich gekehrt ist. In diesen essenziellen Pausen arbeitet unser Gehirn weiter. Gerade hier ist es am produktivsten. Pausen sind nicht nur ein notwendiges Übel, sondern sie sind wichtiger Bestandteil eines Arbeitsprozesses. In dieser Zeit sollte man aufhören, das Problem lösen zu wollen, und seinen Gedanken stattdessen freien Lauf lassen. Manchmal hilft es sogar, einfach kurz in die Küche zu gehen und das Essen im Topf umzurühren, wenn man bei einem Problem nicht weiterkommt – selbst in dieser kurzen Zeitspanne kann das Gehirn „entblockt“ werden.

Smartphone als Kreativitätsverhinderer

Es ist inzwischen erwiesen, dass uns viele gute Ideen kurz vor dem Einschlafen oder direkt nach dem Aufwachen kommen. Auch in dieser Zeit ändern sich die Gehirnwellen – uns kann ein Geistesblitz ereilen. Deshalb vergeben wir uns viel, wenn wir kurz vor dem Einschlafen oder gleich nach dem Aufwachen das Smartphone in die Hand nehmen – oder in den Arbeitspausen zwischendurch. Denn damit verhindern wir jedes Mal, dass eine richtig gute Idee in uns aufkeimt.

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Im Zusammenhang mit der Kreativität erscheint selbst die Aufschieberitis in einem besseren Licht: Zwar hemmt die Prokrastination unsere Produktivität, sie ist jedoch ein Booster für die Kreativität. Auf diese Weise gewinnen wir an Zeit: Wir kehren uns vom eigentlichen Thema ab und entwickeln unsere Gedanken im Unterbewussten weiter. So können neue Ideen aufploppen. Melina Marseille und Tanja Gabriele Baudson nennen diesen Prozess „reflektierte Rumination“.

Adam Grant wiederum hat beobachtet, dass kreative Personen meist Feuer und Flamme sind, wenn es darum geht, ein Projekt zu beginnen. Für die Fertigstellung benötigen sie aber oft sehr lange. Aus seiner Sicht ist es ideal, eine Balance zwischen Prokrastination und Prekrastination zu finden, also zwischen dem Aufschieben und dem Alles-gleich-erledigen-Wollen.

Um kreativ zu sein, braucht man eine spannungsfreie Umgebung – wobei Stress größtenteils von unserem eigenen Gehirn erzeugt wird. Während einer Stresssituation wird das Blut im Hirn anders verteilt, das macht es unmöglich, bereits vorhandenes Wissen zu aktivieren und kreativ zu sein. Wojciech Eichelberger verweist in diesem Zusammenhang auf Einstein, der sich beim Nachdenken über komplexe Probleme immer wieder in ein anderes Zimmer zurückgezogen hat, in dem er Geige übte. Eichelberger regt an, dass jeder von uns so eine Geige oder etwas Vergleichbares haben sollte: eine Tätigkeit, bei der er abschaltet und sein Gehirn „resettet“.

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Leidenschaften leben

Der US-amerikanische Schauspieler Ethan Hawke spricht davon, dass jeder sich selbst zuerst die Erlaubnis erteilen muss, kreativ zu sein. Weil wir im Alltag verhaftet sind, der größtenteils aus Gewohnheiten besteht, gehen viele von uns nicht dem nach, was uns wichtig ist. Doch gerade das ist für Hawke von zentraler Bedeutung: Erst wenn man entdeckt, was man mag und besonders gut kann, wird einem bewusst, wer man wirklich ist. Die (verborgenen) Neigungen und Leidenschaften auszudrücken, seiner Berufung nachzugehen, das ist für ihn echte Kreativität. Doch um sich selbst zu zeigen, muss man sich kennen. Kreativität ist für Hawke nicht bloß nette Beigabe zum Leben, sondern ein Prozess, bei dem man heilt. Letztendlich lohnt es sich, den eigenen Weg zu verfolgen: Wenn jeder sein „Lied“ anstimmt, entwickelt sich ein vielstimmiger Dialog: Jeder der „Sänger“ zeigt sich, macht sich dabei aber auch verletzlich, denn nicht jedem anderen wird das, was er macht, gefallen. Es lohnt sich aber, seine Leidenschaft auszuleben: Wir bekommen immer etwas zurück. Deshalb gibt Hawke seinen Zuhörern den Rat: „Lies nicht das Buch, das du lesen sollst, sondern jenes, das du lesen möchtest.“ Und ziele nicht auf eine Wirkung ab – es ist schwer, die Vorlieben des Publikums zu treffen, denn der Publikumsgeschmack ist keine stabile Größe; er wechselt immer mal wieder.

In ein kreatives Feld eintauchen

Natürlich kann man, wie wir bereits gesehen haben, durchaus alleine kreativ sein. Taucht man aber in ein kreatives Feld ein, können dabei Höchstleistungen entstehen, auch wenn man selbst möglicherweise kein Genie ist. Mit dem „kreativen Feld“ bezeichnet Olaf-Axel Burow ein Umfeld, in dem eine kreative Stimmung herrscht, weil sich dort viele kreative Personen aufhalten. Als Beispiel dient hier das Silicon Valley. In einem kreativen Feld kommen Menschen zusammen, die sich für ein ähnliches Themengebiet interessieren, ähnlich kreativ sind, aber andere Stärken mitbringen. Sie ergänzen einander nicht nur, sondern befruchten und inspirieren sich gegenseitig. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Parteien sich einerseits nicht als Konkurrenz ansehen, andererseits auch ganz unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen und bereit sind, voneinander zu lernen. In einem funktionierenden Team ist sich jeder Einzelne seiner Stärken und Schwächen bewusst. Burow nennt hier das Beispiel von Steve Jobs, der sich die ihm fehlenden Fähigkeiten nicht selbst angeeignet hat, sondern sich stattdessen auf die Suche nach passenden Partnern machte, um einen Computer nach seiner Vorstellung zu entwerfen. Jobs war dabei der Kristallisationskern, der die Entwicklung nicht nur angestoßen, sondern maßgeblich vorangetrieben hat.

Freie Improvisation

Als Beispiel für ein kreatives Feld nennt Olaf-Axel Burow das „Jazzbandmodell der Führung“: In einer Jazzband machen unterschiedliche Musiker, die ihr Handwerk beherrschen, zusammen Musik. Sie haben sich vorher auf ein bestimmtes Thema geeinigt und spielen miteinander, ohne dass es eines Dirigenten bedürfe. Diese Art des Zusammenspiels kann eine Stimmung erzeugen, die auf die Zuhörer übergreift, sie begeistert mitklatschen, in ihren Stühlen wippen und die Musiker anfeuern lässt: Zwischen Musikern und Zuhörern entsteht ein mächtiges Resonanzfeld. Ähnliches lässt sich bei einem Fußballspiel im Stadion beobachten, gerade wenn es ein Heimspiel ist.

Ein kreatives Produkt kommt dadurch zustande, dass mehrere Menschen mit unterschiedlichen Begabungen zusammenwirken. Die Synergieteams sind dann am kreativsten, wenn ein reger Austausch zwischen den Akteuren stattfindet. In Unternehmen sind solche Kreativteams am erfolgreichsten bei flachen Hierarchien, das heißt ohne autoritäre Führung. Die einzelnen Teilnehmer schwingen sich zu herausragenden Leistungen auf, wenn ein Klima der kreativen Konkurrenz vorherrscht, das alle motiviert.

Dranbleiben

Kreativität sei zu einem Prozent Inspiration und zu 99 Prozent Transpiration, heißt es. Kreative Leistungen können ganz schön anstrengen. Es reicht nicht, eine tolle Idee zu haben – darüber hinaus gilt es, sie auch umzusetzen, sich durchzubeißen und auf dem Weg zu ihrer Realisierung durchzuhalten. Daher als letzter Tipp: Gib dein Vorhaben nicht auf, es lohnt sich!

Wie werden deine Kinder kreativer?

Du solltest deinen Kindern vor allem genug Spielraum geben, selbst zu entdecken, was ihnen Spaß machen könnte, ohne ihre komplette Freizeit durchzustrukturieren. Und falls sie sich mal langweilen: umso besser! Zum einen lernen sie dadurch, mit Frustrationen umzugehen, zum anderen werden sie sich selbst auf die Suche nach Lösungen machen bzw. ganz konkret: Beschäftigungsmöglichkeiten. Entdecken Kinder auf diese Weise frühzeitig, was ihnen Freude macht, werden sie nicht zu Erwachsenen ohne Hobbys und ohne eine Idee davon, wie sie ihre Freizeit füllen können – denn davon gibt es gar nicht mal so wenige.

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Ein Kind sollte auch einen Raum für sich haben, in dem es all das machen kann, was ihm in den Sinn kommt, wo auch mal ein Durcheinander herrscht. Es reicht hierbei ein abgegrenzter Raum innerhalb eines Zimmers. Hauptsache, dein Kind kann sich hier austoben und frei sein.

Und das Wichtigste: Kinder sollen und dürfen Fehler machen. Sie lernen daraus – aber nicht nur sie: Die Erfahrung, die wir Erwachsene ihnen voraushaben, ist die Summe aller bisher gemachten Fehler. Kreativ zu sein heißt, Dinge auszuprobieren, ohne dass es ein Richtig oder Falsch gibt. Ganz im Gegenteil: Kritik in jungen Jahren kann dazu führen, dass Kinder ihre Kreativität für immer begraben.

Kreative Kita

Joanna Żarniewska, Kita-Erzieherin in Polen, weiß aus Erfahrung, dass es wichtig ist, als Erzieherin selbst kreative Fähigkeiten zu haben, wenn man Kinder zu Kreativität inspirieren möchte. Wobei man hier nicht zwingend künstlerisch tätig sein muss: Die eigene Kreativität kann sich in der Gestaltung des heimischen Gartens äußern, beim Handwerken oder beim Kochen. Hat ein Erzieher selbst „kreative Antennen“ kann er im Laufe eine Kita-Tages überall fantasievolle Übungen einflechten. Nicht nur beim Zeichnen und Malen, sondern auch im Bereich Sprache, bei Denkprozessen – und sogar beim Sport.

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Żarniewska stellt eine erste kreative Aufwärmübung vor: Die Kleinen zählen alle roten Gegenstände auf, die ihnen einfallen. Oder alle, die weich sind. Oder vielleicht solche, die ein Geräusch abgeben. Selbst diese simple Übung steigert das Selbstwertgefühl der Kinder, weil hier jede Antwort richtig ist. Eine zweite Übung wäre, Analogien zu bilden: Was hat ein Bär mit einem Teppich gemeinsam? Beide sind weich. Womit hat deine Mutter Ähnlichkeit? Meine Mutter ist wie eine Fee – sie kann ein schönes Mittagessen zaubern und die Wohnung sieht sauber aus. Meine Mutter ist wie Feuer – sie ist immer warm. Diese Antworten kamen tatsächlich von Kindern aus ihrer Gruppe. Die Kleinen sollten auch Dinge miteinander verbinden, die üblicherweise nicht zusammengehören, sodass beispielsweise eine Zeichnung von tanzenden Häusern entstand. Oder eine Fischkatze – ein bis dahin unbekanntes Wesen. Auch haben die Kinder nach Assoziationen zu einen Begriff gesucht, sodass nach und nach lange Assoziationsketten zustande kamen: Tisch, Teller, Essen, Kürbissuppe, Petersilie, Garten, Gartenstuhl, Sonnenschirm, Sonne, Mond und so weiter.

Żarniewska hat „ihre“ Kinder auch gebeten, sich vorzustellen, sie seien eine Wolke. „Wo bist du, was siehst du?“ war ihre Anschlussfrage. Sie ließ die Kleinen auch über Lösungen für bestimmte Alltagsprobleme nachdenken – und darüber, was davon sich tatsächlich umsetzen ließ. Sie stellte Fragen wie: Was wäre, wenn es auf der Welt nur Kinder gäbe, keine Erwachsenen? Oder: Wozu könnte ein Blatt Papier dienen, wenn nicht zum Schreiben?

Auch der Klassiker unter den Kreativitätsübungen fehlte nicht: Die Erzieherin begann eine Geschichte, die Kinder führten sie auf ihre Art weiter. Manchmal waren Begriffe vorgegeben, die darin auftauchen mussten. Auch beim Sport waren die Kleinsten kreativ, indem sie sich eigene Aufwärmübungen ausdachten.

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Die neue Rolle der Lehrer

Die Rolle der Lehrer ändert sich zunehmend: von allwissenden Wissensvermittlern, die auf jede Frage eine Antwort parat haben, zu Mentoren, Coaches, Motivatoren. Bereits Sir Ken Robinson formulierte es in seinem TED Talk aus dem Jahr 2013 treffend: Eine Schule kann nie besser sein als die Lehrer, die dort unterrichten. Wie schon für die Kita gilt auch hier: Lehrer, die ihre Schüler zu Kreativität inspirieren möchten, sollten nicht nur selbst kreativ sein, sondern auch gängige Kreativitätstheorien kennen. Denn auch an Schulen gibt es oftmals nur eine vage Vorstellung davon, was genau unter Kreativität zu verstehen ist. Darüber hinaus sollten Lehrer wissen, wie kreative Prozesse ablaufen und wie kreative Menschen funktionieren: Diese nämlich hinterfragen oft das, was der Lehrer als Wahrheit formuliert, zeigen problematische Stellen auf. Oft fällt es kreativen Schülern schwer, Autoritäten zu akzeptieren – damit sollten Lehrkräfte schon aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz souverän umgehen. Sie verschaffen sich nur Respekt, wenn sie authentisch sind – und ihre Grenzen kennen.

Eine aufgeschlossene und offene Lehrkraft unterstützt ihre Schüler dabei, zu unabhängigen, selbstwirksamen Persönlichkeiten zu werden: eine Voraussetzung für kreatives Handeln. Die Rolle des Pädagogen ist deshalb zentral, weil selbst schon ein einziger herausragender Lehrer dazu beitragen kann, dass Kinder ihre Fähigkeiten und Freude an etwas entdecken, teilweise mit Auswirkungen auf das gesamte Leben. Je mehr inspirierende Lehrer eine Schule beherbergt, desto höher ist das Entfaltungspotenzial der Schüler, desto mehr Möglichkeiten stehen ihnen für das spätere Leben zur Verfügung.

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Dabei ist nicht zu vergessen, dass eine kreative Lehrkraft sich oftmals außerhalb ihrer Komfortzone bewegt: Es gibt keinen vorgegebenen Lehrplan, der dem Lernprozess Struktur gibt und an dem sich ein kreativer Lehrer entlanghangeln könnte. Beim innovativen Erforschen kommt es zu Widersprüchen, manchmal auch zu negativen Emotionen und die gilt es auszuhalten. Wobei ein Klassenraum, in dem vielleicht irritierende, widersprüchliche Ereignisse stattfinden, eher unsere Welt abbildet als bisherige Unterrichtsformen. Sicherheit und Stabilität sind auch außerhalb des Klassenraums eher eine Illusion. Erleben Kinder einen solchen Unterricht, lernen sie frühzeitig, mit negativen Emotionen umzugehen und ihr Leben zu meistern.

Die kreative Schule

So wie es sich beim kreativen Denken lohnt, eine komplett andere Perspektive einzunehmen, möchten auch wir das Nachdenken über neue Ansätze im Unterricht damit beginnen und fragen uns: Wie verhindert man gezielt Kreativität in der Schule?

Zum einen natürlich durch langweiligen Unterricht, den viele zur Genüge aus ihrer eigenen Schulzeit kennen. Einen Unterricht, in dem Schüler einander Zettel zustecken oder WhatsApp-Nachrichten schreiben, statt der Stunde zu folgen. Zudem durch eine überstrukturierte Schulstunde mit wenig Handlungsspielraum und ständiger Kontrolle von oben. Darüber hinaus durch Wettbewerbssituationen, bei der die einzelnen Schüler entweder bewertet werden oder ihnen eine Belohnung in Aussicht gestellt wird (man denke hier an den Esel und die Karotte). Untersuchungen haben ergeben, dass Gruppen, die im Wettbewerb zueinander standen, bei kreativen Aufgaben schlechter abschnitten als jene, in denen die Schüler einfach so zusammenarbeiteten.

Eine weitere Möglichkeit, Kreativität zu verhindern, ist, die Ideen der Kinder nicht zu beachten, sodass gar nicht erst eine kreative Atmosphäre entsteht.

Dabei sind Kinder schon von Natur aus einfallsreich, zum Beispiel was die Grammatik- oder Wortbildungsregeln angeht. Zwar geschieht dies aus Unwissenheit, es bringt uns Erwachsene dennoch oft zum Schmunzeln, man denke hier an „Pingihuhn“ (Pinguin), „Klobauch“ (Knoblauch) oder „Mama tropft die Augen“ (Mama nimmt Augentropfen). Dieses kreative Potenzial kann weiter gefördert werden, indem Lehrer selbst kleinste kreative Leistungen von Kindern würdigen. So lernen es die Kinder frühzeitig, den Wert ihrer Ideen zu schätzen. Dabei muss nicht immer vom Ergebnis ausgegangen werden; der Weg zum Ziel ist nicht weniger wichtig. Und vor allem sollten Lehrer die Leistung von Kindern nicht nur dann würdigen, wenn diese sich ganz offensichtlich in einem kreativen Prozess befinden, sondern offen sein, sich auch in Situationen, in denen sie keine Kreativität erwarten, überraschen zu lassen. Kinder sind sogar vielleicht dann am kreativsten, wenn niemand mehr eindeutig beurteilen kann, wie kreativ das, was sie gerade tun, wirklich ist.

Jeder Jeck ist anders

Zu bedenken ist, dass jedes Kind seine Art hat, kreativ zu werden: Die einen entwickeln Ideen im Gespräch mit Mitschülern, andere ziehen sich zurück, wiederum andere müssen sich Notizen machen oder etwas skizzieren. Dann gibt es welche, die erst einmal ihre Gedanken schweifen lassen und tagträumen. Oder jene, die eher haptisch orientiert sind und die Textur von Dingen wahrnehmen müssen, damit der kreative Film im Kopf startet. Daher sollte man Kinder einfach machen lassen – sie werden ihren Weg schon finden – und ihnen mehr Zeit einräumen, wenn sie einen ungewöhnlicheren Ansatz verfolgen, denn kreative Leistungen kosten Zeit. Um die Motivation der Schüler aufrechtzuerhalten, sollten die Übungen sie weder unterfordern noch überfordern. Es ist individuell unterschiedlich, wie lange ein Kind für die Bearbeitung einer Aufgabe braucht. Herrscht kein Leistungsdruck und hat es die Gelegenheit, dies und jenes mal auszuprobieren, ohne dass ein bestimmtes Ergebnis erwartet wird, kommen die besten Ideen zustande. Und die sollte der Lehrer, auch wenn sie noch so ungewöhnlich erscheinen, nicht voreilig kritisieren. Denn die intrinsische Motivation, also die Motivation von innen heraus, ist äußerst wichtig für den kreativen Prozess – wobei auch die extrinsische Motivation in Form von Lob nicht zu unterschätzen ist. Sie hilft vor allem beim Lösen konvergenter Aufgaben, bei jenen also, wo man mit Logik ans Ziel kommt, oder dort, wo es nur eine mögliche Lösung gibt.

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Auch wenn jeder kindliche Versuch, kreativ zu sein, ernst genommen und gefördert werden sollte, hat nicht jedes künstlerische Produkt einen Wert – hierzu kommen wir später.

Synergien bilden

Nicht nur unterscheidet sich die Art, wie einzelne Kinder lernen, auch haben alle unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeiten – und Schwächen. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Lehrer sollten die Schwachpunkte ihrer Schüler kennen, doch ist es nicht unbedingt ihre Aufgabe, diese auszumerzen. Nach Olaf-Axel Burow geht es eher darum, zwischen Schülern, die einander ergänzen, Synergien zu bilden. So wie es später auch im Arbeitsleben am besten funktioniert. Es geht nicht so sehr darum, dass jeder alles weiß und kann, vielmehr sollten sich passende Personen im Team ergänzen. Nur diese Herangehensweise passt zu unserer komplexen und spezialisierten Wissensgesellschaft. Diese Form des kollaborativen Arbeitens und Lernens setzt voraus, dass Lehrer das Begabungs- und Neigungsprofil ihrer Schüler kennen, um so einen auf den Einzelnen zugeschnittenen Unterricht anzubieten, ergänzt durch zahlreiche Gruppenarbeitsphasen oder Workshops. Doch vorher noch sollten Lehrer an ihrer eigenen Teamfähigkeit arbeiten – bisher sind sie eher Einzelkämpfer, die ihre vielen Aufgaben eigenhändig stemmen. Ergänzen sich nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer, wird auch die Schule zu einem kreativen Feld.

Kreative Arbeitsatmosphäre

Neben dem kreativen Feld, das eher einen ideellen Raum bezeichnet, fördert auch ganz wörtlich ein kreatives Umfeld eine produktive Atmosphäre: Schulräume mit inspirierenden Arbeitsmaterialien, gut ausgestattet, ohne überladen zu sein, bieten viele Anregungen zum Nachdenken und Lernen. Sie tragen viel stärker dazu bei, dass Kinder gern arbeiten und sich auf ihre Tätigkeit freuen, als wenn dies durch Belohnungen geschähe. In der vorherrschenden Schulstruktur sind eine flexible Raumwahl und Zeiteinteilung jedoch schwer umzusetzen, aber gerade da wäre mehr Flexibilität angebracht; statischer Unterricht sollte durch mobilen ersetzt werden. Bevor dies geschieht, wird ein Umdenken stattfinden müssen.

Einen Tag später und du bist fällig

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Neben der Ausstattung der Räume ist auch die Stimmung wichtig: In einer Klasse sollte eine offene, vertrauensvolle Atmosphäre herrschen. Das heißt konkret: Niemand macht sich über die Ideen von (Mit-)Schülern lustig, trägt es nach außen, wenn im Unterricht mal ein Projekt oder eine Antwort misslungen ist. Dort, wo Konflikte offen angesprochen und zeitnah geklärt werden, gewinnen Kinder Vertrauen zu sich selbst und es fällt ihnen leichter, neue Ideen zu entwickeln.

Künstlerische Fächer

Was läge näher als der Gedanke, dass man gerade in den künstlerischen Fächern besonders gut seine Kreativität ausleben kann? Und zwar nicht nur im Kunst-, sondern auch im Musik- oder Deutschunterricht. Der Genuss von Kunst (gleich welcher Art) macht oftmals Lust auf eigene Gestaltung. Daher sollten Lehrer Kinder und Jugendliche an Kunst heranführen. Zumal bekannt ist, dass viele kreative Personen und Künstler ihre Begeisterung für den kreativen Ausdruck (wie das Malen oder Schreiben) bereits in der Grundschule entdeckt haben. Ist die erste Begegnung eines Kindes mit Kunst faszinierend und bewegend, will es mehr davon. Sind das Theaterstück, das Musikstück oder der Roman, denen die Kinder begegnen, hingegen langweilig, kann es sein, dass sie sich nie wieder dieser Kunstform zuwenden werden. Deshalb hält Claus Martin die Aussage „Lieber schlechte Kunst als gar keine Kunst“ für falsch. Er rät davon ab, mit einer Schulklasse eine drittklassige Aufführung der Zauberflöte zu sehen. Er begründet dies mit einer Analogie: Wer mit Tetrapaks an den Weingenuss herangeführt wird, wird sich eher nicht zu einem Weinkenner entwickeln. Nur wer hochwertige Kunst rezipiert, kann seinen Geschmack ausbilden.

Martin widerlegt auch das Vorurteil, Schüler könnten sich immer schlechter ausdrücken, weil sie so wenig lesen. Dies ist nicht unbedingt der Fall: Kinder und Jugendliche lesen nicht zwingend weniger, dafür lesen sie viele Texte von minderer Qualität (Postings in sozialen Medien, Kurznachrichten etc.). Und genau das hat negative Auswirkungen auf ihre eigene Textproduktion.

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Laut Paul Collard, der viele kreative Projekte an Schulen begleitet und ausgewertet hat, tragen gerade die künstlerischen Fächer dazu bei, Schüler für den Lehrstoff zu interessieren. Er erzählt von einem Theaterstück zum Thema Genetik, das an einer Schule aufgeführt wurde. Im Zuge der Proben hatten sich die Schüler mit der Thematik auseinandergesetzt und bekamen nach Abschluss des Projekts bessere Noten im Bereich Genetik als Schüler, die sich das Thema auf traditionelle Art angeeignet hatten. Der Grund hierfür: Die Jugendlichen waren emotional involviert, sie waren als Gesamtheit in den Lernprozess einbezogen. Dadurch, dass Schüler bei einem solchen Projekt als ganze Menschen gefordert sind, fühlen sie sich wohl, haben eine gute Grundstimmung, gewinnen an Selbstvertrauen und haben automatisch mehr Interesse am Lernstoff. Emotion und Motivation hängen sehr stark zusammen – deshalb sollten Emotionen im Unterricht stärkere Berücksichtigung finden. Wie? Anstatt im Biologieunterricht genetisch bedingte Krankheiten durchzusprechen, könnte der Lehrer eine Debatte zu dem Thema anregen. Nebenbei bemerkt zeichnen sich kreative Schüler auch durch ein besonders hohes Maß an Empathie aus.

Kreativ zu sein, bedeutet auch, sich eine andere Zukunft vorzustellen – gerade durch Kunst wird das möglich.

Nadine Nett schlägt vor, auch in der Schule interdisziplinär zu arbeiten: eine Oper im Musikunterricht zu behandeln, das dazugehörige Libretto im Deutschunterricht – und im Fach Geschichte beschäftigen sich die Schüler mit dem historischen Kontext. So bekommen sie ein rundes Bild von einem Sachverhalt, entdecken mehr Sinn im Lernen und finden die Schulstunde spannender.

Selbstständiges Handeln

Im bisher dominierenden Modell des Frontalunterrichts, wo Zusammenhänge anhand von Fragen entwickelt werden, sind kreative Einflüsse eher ein Störfaktor. Dabei sollte Kreativität vielmehr selbst zum Unterrichtsziel werden: dadurch, dass Schüler den Unterricht aktiv mitgestalten, sich Unterrichtsziele selbstständig und unter eigener Verantwortung erarbeiten. Sie machen im Unterricht nicht einfach Dinge nach, die der Lehrer vorne vormacht, sondern denken selbst und sind bei der Bearbeitung von Aufgaben weitestgehend frei. Erreichen sie so aus Eigenmotivation heraus selbst gesetzte Ziele, sind sie zufrieden und bereit, mehr zu entdecken. Deshalb sollte man die Selbstständigkeit von Kindern im Unterricht nicht als Luxus ansehen, sondern als Grundstein von Bildung. Damit sie dazu wird, müsste das Bildungssystem jedoch komplett umstrukturiert werden.

Dass dieses Konzept funktioniert, zeigt das Beispiel der Montessori-Schulen: Die Absolventen haben Untersuchungen zufolge bessere Ergebnisse beim divergenten Denken als jene, die an Regelschulen gelernt haben. Zum einen sind die Kinder dort in einer anregenden Umgebung, die zum Selbstdenken inspiriert. Sie kennen das Lernziel zu bestimmten Lerneinheiten, dürfen den Weg dorthin jedoch selbst wählen (mehr Informationen zu den Montessori-Schulen findest du bald in unserem Artikel „Montessori“).

Wer im Unterricht kreativ sein darf, hat automatisch mehr Lust zu lernen. Das gilt nicht nur für Schüler, auch Lehrer sind glücklicher, wenn sie zufriedene, inspirierte Kinder unterrichten. Das spüren wiederum unterbewusst die Schüler und trauen sich eher, Fragen zu stellen, die neue Denkprozesse anstoßen können. Wenn die Lehrer kreativ an eine Unterrichtsstunde herangehen, werden sie selbst insgesamt zufriedener. Wie so eine kreative Herangehensweise aussehen kann? Sie könnten sich im Vorfeld fragen, wie Peter Lustig ihre Unterrichtsstunde abhalten würde. Oder Obelix. Daher sollten auch Lehrer Spielraum bei der Unterrichtsgestaltung bekommen.

Zu einer inspirierenden Umgebung gehört auch, dass Schüler ihr Klassenzimmer so einrichten und gestalten können, wie es ihnen gefällt. Denn wer sich in einer Umgebung wohlfühlt, kommt leichter ins Fantasieren und Denken.

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Im nächsten Teil nennen wir dir ganz viele praktische Beispiele, wie du die Kreativität deiner Kinder wecken kannst. Lass dich inspirieren.

 

Alle Quellen sind am Ende von Teil 4 zu finden.

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