Zwei plus drei ist violett (Teil 2)

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Sind Kinder kreative Genies?

Auch die Frage, wer kreativer ist, Erwachsene oder vielmehr Kinder, ist umstritten. Möglicherweise sind Kinder gar nicht kreativer, leben ihre Kreativität nur stärker aus. Nicht eindeutig geklärt ist auch die Behauptung, dass Kinder wegen falscher Bildungsmaßnahmen ihre Kreativität verlieren könnten, wie Ken Robinson es in seinem TED Talk behauptet. Wird sie nicht gefördert, kann die Fähigkeit, kreativ zu denken, tatsächlich in den Hintergrund treten. Es ist aber möglich, sie erneut zu beleben.

Verlust der Kreativität

Arno Stern, der als deutscher Kriegsflüchtling in Paris den „Malort“ geschaffen hat, spricht davon, dass er im Laufe der Jahre doch so etwas wie den Verlust des kreativen Ausdrucks beobachtet. Er vergleicht die ersten beiden Lebensjahre eines Kindes mit einem Buch, dem die ersten 30 Seiten fehlen. Das freie Malen kann seiner Ansicht nach dazu führen, dass der Nachwuchs diese ersten beiden Jahre „wiederfindet“. Seine Beobachtung von Kindern aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zeigt, dass sie gar nicht das malten, was sie um sich herum sahen, sondern das, was aus ihrem Innersten kam. Selbst Kinder, die in der Wüste ohne Zivilisation aufgewachsen waren, malten Ähnliches wie Kinder aus der Stadt. Ihr Malen war eine spontane Äußerung ohne Intention. Dies nennt Stern „Formulation“. Heutzutage haben sich die Bilder der Kinder stark verändert, sie sind ausgefeilter geworden. Dies führt Stern auf die Kunsterziehung in der Schule zurück. Die Kinder malen nicht mehr das, was aus ihnen herauskommt, sondern das, was Erwachsene – Eltern oder Lehrer – von ihnen erwarten. Deshalb wird er von den Kindern, die in den Malort kommen, immer häufiger gefragt, was sie malen sollen. Diese Frage kam früher gar nicht erst auf. Genau aus diesem Grund sieht er die Kunsterziehung – Museumsbesuche oder das Betrachten von Kunstwerken –, nicht als Bereicherung an, sondern eher als Verlust. Seiner Meinung nach sollten Erwachsene Kinder respektieren und ernst nehmen, sie nicht als unfertige Wesen ansehen, die Bildung benötigen. Erst wenn ein Kind im Vertrauen und in seinem eigenen Rhythmus aufwächst, kann es sein Innerstes vollends entwickeln. Auf diese Weise hat Arno Stern auch seinen zweiten Sohn, André Stern, aufwachsen lassen.

Natürlich haben Kinder jede Menge kreatives Potenzial: Sie sind neugierig, spontan, machen gern Entdeckungen, mögen Überraschungen und haben keine Angst vor Fehlern oder Kritik. Ihnen ist auch egal, ob sie in irgendetwas gut sind. Hinzu kommt, dass sie (noch) keine Gewohnheiten haben, weshalb sie ganz frei agieren können. Joanna Żarniewska, Kita-Erzieherin mit einem Fokus auf Kreativität, hat die Erfahrung gemacht, dass es keine Kinder gibt, denen kreative Übungen in einer offenen, freundlichen Atmosphäre keinen Spaß machen.

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Elisabeth McClure, die sich mit den Themen Kreativität und Lernen beschäftigt, stellt die These auf, dass Kinder zwar eine enorme Vorstellungskraft hätten, dies aber nicht bedeuten würde, dass sie damit automatisch kreativer seien. Kinder machen viele originelle Vorschläge, haben neue Ideen, sind flexibel in ihrem Denken, erforschen ihre Umwelt und gehen Risiken ein. Bloß sind viele dieser Ideen nicht umsetzbar. McClure nennt als Beispiel einen Pool in einem Baumhaus, das zwar eine großartige Idee darstellt, jedoch kaum umsetzbar ist.

Denn neben dem divergenten Denken, das Kinder hervorragend beherrschen, ist konvergentes Denken notwendig, also die Überprüfung der Idee mit Blick darauf, ob sie tatsächlich realisierbar ist.

Überwiegt bei einer Person das divergente Denken, hat sie viele Ideen, die vielleicht gar nicht zur Ausführung gelangen. Es fehlt das Analytische, die Fähigkeit, ein Projekt zu evaluieren, die Beharrlichkeit, sich auf das Thema zu fokussieren und es umzusetzen, all das also, was unter den Begriff des konvergenten Denkens fällt. Liegt der Fokus von jemandem wiederum zu sehr auf dem konvergenten Denken, erkennt er großartige Ideen gar nicht erst als solche. Deshalb braucht es ein Gleichgewicht zwischen beiden.

Elisabeth McClure schlägt vor, kokreative Teams aus Erwachsenen und Kindern zu bilden: Die Erwachsenen sehen Kinder als Vorbilder an und umgekehrt. So arbeiten beide Seiten Hand in Hand und profitieren voneinander: Die Kinder entwickeln viele hochwertige Ideen, die Erwachsenen lassen sich davon inspirieren. Aus der Sicht von McClure sollten auch Unternehmen Kinder nicht bloß als (spätere) Käufer ansehen, sondern als Kodesigner von Produkten. Auch im Klassenraum sollten sie nicht bloße Konsumenten von Wissen sein, sondern sogar als Kolehrer fungieren. Sie plädiert dafür, im Unterricht mehr alternative Herangehensweisen zuzulassen. Kinder sind ihrer Ansicht nach keine kreativen Genies, jedoch können wir eine Menge von ihnen lernen.

Kids Team UW

Solche Koteams aus Erwachsenen und Kindern existieren tatsächlich bereits, zum Beispiel an der Universität Washington. Zusammen mit Wissenschaftlern entwickeln dort Sieben- bis Elfjährige Technologien, die später anderen Kindern zur Verfügung stehen sollen. Das „Kids Team UW“ hilft den Programmierern dabei zu denken wie ein Kind, was für uns Erwachsene eher schwierig ist. In dieser neuen Form von Studien zur Benutzerfreundlichkeit testen Kinder Prototypen und nicht, wie es sonst üblich ist, fast fertige Produkte. So haben sie schon früh die Möglichkeit, in den Entstehungsprozess einzugreifen. Das Kinder-Erwachsenen-Team der Universität Washington arbeitet an Projekten für Microsoft und für das Kinderkrankenhaus in Seattle. Neben vielen nützlichen Dingen, die dabei entstehen, haben die Kinder jede Menge Spaß bei ihrer „Arbeit“.

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Kreativität in der Schule? Fehlanzeige!

Wie sieht es nun aber mit der Kreativität in unseren Schulen aus? Hier meinen wir nicht die weltbewegende Kreativität, die Geniestreiche ermöglicht, sondern eine Kreativität für jedermann, die dazu beiträgt, Alltagsprobleme zu lösen: die Mini-c-Kreativität. Zwar gibt es immer wieder Lehrer, die viel dafür tun, dass die Schule die Kreativität unserer Kinder tatsächlich nicht zerstört, doch insgesamt ist der Erfolg mäßig. Heinz von Förster, österreichisch-amerikanischer Erkenntnistheoretiker hat Schulen seinerzeit als „Trivialisierungsanstalten“ bezeichnet, in denen Kinder zu vorhersehbaren und funktionierenden Menschen würden. Von ihm stammt in einer Abwandlung der Titel dieses Artikels. Noch heute ist auf die Frage, wie viel zwei plus drei sei, die Antwort „violett“ nicht möglich. Warum eigentlich nicht? Es könnte doch erkenntnisreich sein, wenn das Kind auf Nachfrage erklärt, wie es ausgerechnet auf diese Antwort gekommen ist. Unter diesem Aspekt wird Kreativität in der Schule tatsächlich eingeengt.

Kreative Einfälle sind nicht vorhersagbar, stören und verunsichern im Unterricht nur, auch erscheinen sie weniger wichtig als die harten Fakten. Divergentes Denken wird tendenziell bestraft und mit schlechten Noten quittiert. Zudem ist Kreativität, weil sie außerhalb des Systems liegt, schwer zu bewerten. Schüler empfinden die Benotung von kreativen Projekten einerseits als ungerecht, auf der anderen Seite haben sie sich daran gewöhnt, immer wieder bewertet zu werden, und sind nicht motiviert, wenn es keine Noten gibt. Olaf-Axel Burow, Lehrer und Professor für Allgemeine Pädagogik, spricht von einer fabrikmäßigen Organisation von Schulen: Schüler sind Kohorten zugeordnet, rücken wie am Fließband vor und lernen den Stoff in ihrer Altersgruppe innerhalb einer vorgegebenen Zeit. Auch international werden Schulleistungen standardisiert, wozu die PISA-Studie in starkem Maße beiträgt. Burows Ansicht nach weisen diese Versuche in die falsche Richtung, denn Lernen ist ein höchstindividueller Prozess. Die Folge dieser Standardisierung: Den Kindern geht es nicht gut. In Südkorea, einem Land mit einem straff durchorganisierten Schulsystem und guten Schülerleistungen, sind Kinder besonders unglücklich.

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Auch hierzulande wird in Klassenarbeiten bloß eine Gedächtnisleistung abgefragt. Es geht lediglich um eine Reproduktion von Wissen. Dabei gibt es in unserer Welt viel mehr Wissen, als eine Schule es vermitteln kann. Emotionen, die beim Lernen hilfreich sind, oder gar Spaß, spielen in der Schule eine untergeordnete Rolle. Dort lernen Kinder das, was andere bereits entdeckt haben. Deutlich besser wäre es, wenn sie Sachverhalte selbst entdecken könnten. Gerade dann kommt es zu einem Aha-Erlebnis, das im Gehirn viel besser verankert wird, als wenn die Information vom Lehrer kommt. Eine Erziehung im Sinne der Kreativität könnte so aussehen, die Schüler dazu zu ermuntern, Fragen zu stellen und die Antworten darauf selbst zu suchen. Wichtig wäre auch, dass die Schule sich nicht als Institution ansieht, die alle Antworten kennt. Dieser Ansatz verhindert kreatives Denken. Zumal es in vielen Fächern und bei vielen Fragestellungen gar nicht nur die eine richtige Antwort gibt.

Bisher besteht der kreative Akt nach Meinung von Tillmann und Nadine Nett von der Fernuniversität Hagen darin herauszufinden, was der Lehrer hören möchte. Die Antworten auf eine gestellte Frage werden von der Lehrkraft bestätigt oder abgelehnt, ohne dass die Schüler die Möglichkeit hatten, sich selbst von der Richtigkeit ihrer Funde zu überzeugen. Sie häufen im Laufe ihrer Schulkarriere im besten Fall jede Menge Wissen an, haben aber auf ihrem Weg an Fantasie und damit Eigenständigkeit und Handlungsfähigkeit eingebüßt. Tillmann und Nadine Nett zeigen das Paradoxe unseres Schulsystems auf: Zum einen lernen die Kinder nach vorgegebenen Mustern, zeitgleich wird von ihnen früher oder später erwartet, dass sie eigenständig agieren und kreativ sind.

Wie interessant!

Gute Noten sind eine tolle Sache. Sie sind aber noch lange kein Indikator dafür, ob jemanden ein Fach interessiert und er später diese Fachrichtung studieren wird. Natürlich gibt es junge Menschen, die ihr Studium oder ihren Beruf unter Sicherheitsaspekten auswählen, sodass sie später finanziell abgesichert sind. Meist ist es aber so, dass das Interesse an einem Thema ausschlaggebend für die weitere berufliche Karriere ist.

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Und die Lehrer?

Lehrer halten Kreativität oftmals für wichtig, haben aber – wie der Großteil der Bevölkerung – falsche Vorstellungen davon: Gerade in Deutschland geht man größtenteils davon aus, dass Kreativität angeboren sei und man sie nicht lernen könne. Deshalb gibt es an Universitäten auch keine Studiengänge für kreatives Schreiben, wie sie in vielen angelsächsischen Ländern üblich sind. Hinzu kommt, dass Kreativität nicht Teil des Pädagogikstudiums ist, was eine wichtige Voraussetzung für die kreative Erziehung wäre: Niemand, der nicht kreativ denkt, kann es anderen beibringen. Gerade Lehrer haben hier eine Vorbildfunktion und müssten in diesem Bereich erst selbst ausgebildet werden.

Zudem ist es notwendig, das gesamte Bildungssystem zu überarbeiten – doch solche Änderungen brauchen viel Zeit. Es ist schwierig, alte Strukturen zu ändern, da Änderungen immer bei einem Teil der Betroffenen auf Widerstand stoßen. Viele Lehrkräfte denken nach wie vor hierarchisch. Zudem ist ihre vorrangige Aufgabe, selbst wenn sie die Kreativität als wichtig ansehen, den Lehrplan „durchzukriegen“. Immer mehr Stoff muss innerhalb eines kurzen Zeitfensters vermittelt werden. Das erzeugt Druck und unter Druck ist es schwer, kreativ zu denken. Kreativität braucht Raum, um sich zu entfalten, Zeit und Muße. Ideen müssen reifen. Doch diese Zeit hat kaum jemand – das gilt übrigens auch für Unternehmen. In unserer immer schneller getakteten Gesellschaft ist Zeit ein knappes Gut. Gerade weil Lehrer einen Lehrplan einhalten müssen, ist es für sie wichtig, dass der Unterricht geregelt abläuft. All diese Gründe sorgen dafür, dass Kreativität in Europa an Schulen eher nicht gefördert wird.

Medienkindheit

Das Hessische Kultusministerium greift im Lehrplan aus dem Jahre 2010 das Stichwort „Medienkindheit“ auf: Die Lebenswelt von Kindern sei heutzutage geprägt von Kommerzialisierung der kindlichen Bedürfnisse, heißt es dort. Die Folge: Werteverlust und eine künstlich erzeugte Wirklichkeit. Dies bringt die Gefahr mit sich, dass authentische Erfahrungen immer seltener werden und die Sinne der Kinder verkümmern. Dabei ist es wichtig, dass Kinder alle ihre Sinne trainieren und sich gerade am Anfang nicht spezialisieren. Die Antwort des Kultusministeriums auf diese Problematik: ästhetische Bildung. Oder mit unseren Worten: Erziehung zur Kreativität.

So wie Lehrer selbst die Fähigkeiten haben sollten, kreativ zu denken, sollten auch Eltern kreativ sein, um ihre Kinder zu einem kreativen Verhalten zu inspirieren. Deshalb gehen wir zunächst darauf ein, wie jeder seine eigene Kreativität fördern kann, bevor wir zu konkreten Beispielen zur Förderung der Kreativität zu Hause, in der Kita und in der Schule übergehen.

Kreativität verhindern

Es gibt viele gute Wege, Kreativität zu verhindern. Ein Standardsatz, den wir vielleicht aus der Schule oder dem Elternhaus kennen, gehört auf jeden Fall dazu: „Hör auf zu träumen, mach lieber deine Hausaufgaben.“ Bei Erwachsenen gibt es einen anderen effizienten Weg: den Wunsch, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Soziale Medien tragen in starkem Maße dazu bei, dass Menschen diese Aufmerksamkeit brauchen – denn sie verkaufen unsere Aufmerksamkeit wiederum an Werbetreibende. Jemand, der von anderen nicht wahrgenommen wird, existiert nicht, meinen viele. Damit wird Kreativität Mittel zum Zweck – und kann sich kaum entfalten.

Wie entfaltet man sein kreatives Potenzial?

Fragen stellen

Wenn wir das künstlerische Schaffen erst einmal beiseitelassen, benötigt man, um kreativ tätig zu werden, zuerst einmal ein Problem. Ohne Problem, das es zu lösen gilt, gibt es keinen Grund, sich kreative Gedanken zu machen. Ist die Herausforderung, die es zu meistern gilt, aber da, springen viele gleich zum Brainstorming, zur Ideengenerierung – und verschenken damit Potenzial. Am Anfang steht nämlich das Nichtwissen. Und die damit verbundenen Fragen. Erst wenn ich weiß, dass ich etwas nicht weiß, mir also meiner Inkompetenz bewusst bin, stelle ich die richtigen Fragen. Das Nichtwissen ist ein großer Schatz, den es zu heben gilt. Kinder sind deshalb so kreativ, weil sie vieles noch nicht kennen. Sie haben keine Angst davor, etwas nicht zu wissen und ganz viele Fragen zu stellen. Damit tun sich Erwachsene oft schwer. Wegen eines fehlenden Selbstbewusstseins und aus Angst vor dem Gesichtsverlust geben sie sich den Anschein, als wenn sie Bescheid wüssten – und kommen so gar nicht erst in den kreativen Prozess.

Einstein soll gesagt haben: „Wenn ich eine Stunde Zeit hätte, um ein Problem zu lösen, würde ich 55 Minuten damit verbringen, über das Problem nachzudenken und fünf Minuten über die Lösung.“ Wojciech Eichelberger drückt es noch drastischer aus: Die Menschheit würde noch auf Bäumen leben, wenn es keine Menschen gegeben hätte, die etwas nicht wussten. – Überleg also, was du bereits zu einem Thema weißt und was nicht, und formuliere möglichst viele Fragen rund um das Problem, bevor du über Lösungen nachdenkst.

Eng damit verknüpft ist das Hinterfragen. Zum einen geht es hier darum, bisher Bekanntes in Frage zu stellen. Zum anderen ist mit Hinterfragen auch ein Ausformulieren des Problems gemeint. Diese Problemfindung kann bereits der erste Schritt zur Problemlösung sein.

Gewohnheiten brechen

Hinterfrage Dinge, die dir selbstverständlich erscheinen, sei flexibel in deinem Denken. Wer Sachverhalte und Ideen anzweifelt, kommt oft zu einer noch besseren Lösung.

Eigeninitiative als Kreativitätsfaktor

Adam Grant, der sich in seinen Arbeiten auf Organisationspsychologie spezialisiert hat, stellt in einem TED Talk die Behauptung auf, Menschen, die Firefox oder Chrome als Browser nutzen, seien kreativer als jene mit dem Internet Explorer oder Safari. Warum? Die Ersteren hätten sich die Mühe gemacht, nach Optionen zu suchen und einen systemfremden Browser zu installieren. Diejenigen mit dem Explorer oder Safari hätten sich mit der vorinstallierten Version zufrieden gegeben.

Gewohnheiten sind der größte Feind der Kreativität, doch leider besteht unser Alltag zu etwa 90 Prozent aus Routinehandlungen. Der Grund dafür: Sie kosten nur wenig Energie, da sie nicht immer wieder neu gelernt werden müssen. Man muss nicht viel nachdenken, um im Alltag zu bestehen. Im täglichen Leben wird Kreativität tatsächlich eher nicht gebraucht.

Dabei kommt unser Hirn gerade dann in Gang, wenn wir es mit überraschenden Dingen konfrontieren. Bas Kast erzählt von einem Experiment der Uni Nimwegen: Probanden wurden gebeten, eine 3D-Brille aufzusetzen, und fanden sich in einer Cafeteria wieder. Einer Cafeteria, die in ihrer Art ungewöhnlich war: Flaschen, die umgestoßen wurden, flogen in die Höhe, statt zu Boden zu fallen – auch andere physikalische Gesetze waren außer Kraft gesetzt. Alle, die einige Zeit in dieser Cafeteria zugebracht hatten, gaben bei einem Anschlusstest kreativere Antworten als die Kontrollgruppe, die eine gewohnte virtuelle Cafeteria erlebt hatte. Selbst in der kurzen Zeit konnte die erste Gruppe eine gewisse mentale Flexibilität entwickeln.

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Wenn wir Dinge im Alltag anders machen als sonst und damit den üblichen Ablauf durchbrechen, werden wir automatisch kreativer. Warum nicht also das Frühstücksei abends essen? Es mag sich im ersten Augenblick komisch anfühlen, aber probiert es doch einfach aus. Wir könnten auch von Zeit zu Zeit unsere Routine ändern, wie wir es zum Beispiel im Urlaub tun: auf einem anderen Weg zur Arbeit fahren, mal einen Umweg nehmen über eine Straße, die wir bisher nicht kannten. Oder gleich ein anderes Vehikel zur Fortbewegung nutzen. Vielleicht mal den E-Roller statt das Auto? Oder den Weg gleich zu Fuß zurücklegen. Das alles macht uns tatsächlich kreativer.

Auslandsreisen sind nicht nur ein schöner Tapetenwechseln; sie machen uns ebenfalls einfallsreicher. Vorausgesetzt, wir fahren nicht immer an den gleichen Ort. Japan zum Beispiel, sagt Bas Kast, sei eine skurrile Riesencafeteria.

Auch beim Sprachenlernen eröffnen sich einem neue Perspektiven, denn Sprache beeinflusst unser Denken und hilft uns dabei, Assoziationen zu bilden. Bei einem Test, von dem Kast berichtet, fielen deutschen Testpersonen zu dem Wort „Brücke“ hauptsächlich weiblich konnotierte Begriffe ein, wie „anmutig“ oder „geschwungen“. Spanische Probanden hingegen hatten ganz andere, eher männliche Assoziationen, weil die spanische Brücke einen männlichen Artikel hat („el puente“). Daran erkennt man ganz deutlich, wie die Sprache, die wir sprechen, unser Denken beeinflusst.

Gleich und Gleich gesellt sich gern, heißt es. Am meisten mögen wir Menschen, die so ähnlich ticken wie wir: sich auf vergleichbare Art kleiden, aus derselben sozialen Schicht stammen, dieselben Bücher lesen oder eine Meinung haben, die unserer nahekommt. Diesen Menschen sind wir genetisch ähnlicher als jenen, mit denen wir seltener zu tun haben. Die Ähnlichkeit bestätigt uns in unserem Denken. Deshalb ist es hilfreich, für Menschen offen zu sein, die anders sind. So lernt man andere Perspektiven kennen und wird durch die abweichenden Ideen und Eindrücke vielfältiger in seinem eigenen Denken. Um unsere Kreativität zu fördern, sollten wir also mit Menschen sprechen, mit denen wir sonst nicht so viel zu tun haben. Bau dir ein vielseitiges soziales Netzwerk auf und tausche dich mit ganz verschiedenen Personen aus, so kannst du deinen eigenen Standpunkt hinterfragen.

Ist dies nicht möglich, kannst du versuchen, ein Problem zumindest mit den Augen einer anderen Person zu sehen: Wie würde ich den Gegenstand nutzen, wenn ich ein Kind wäre? Oder eine prominente Person? Wenn ich auf dem Mars wohnen würde? Welche Herangehensweise an mein Problem hätte ein Pessimist? Welche ein Optimist? Die Übernahme verschiedener Rollen macht nicht nur emphatischer, sondern ermöglicht auch einen Perspektivwechsel, der unsere Kreativität fördert. Diese überraschenden Verbindungen, Hindernisse und Einschränkungen boostern den kreativen Prozess.

Da Künstler oft die Norm durchbrechen und Neues erschaffen, bieten sie dem Kunstrezipienten ebenfalls neue Sichtweisen.

Aber auch das Durchbrechen körperlicher Muster erfüllt eine ähnliche Funktion. Wojciech Eichelberger empfiehlt hierzu einen einfachen Test: Du kreuzt den Zeige- und Mittelfinger und berührst mit einem dieser Finger eine Partie im Gesicht. Wenn du genau hinspürst, bist du dir nicht sicher, welcher der beiden Finger Kontakt mit dem Gesicht hat. Das Gehirn ist verwirrt, denn auf diese Weise hat man sich noch nie ins Gesicht gefasst; für diesen Vorgang wurde im Gehirn noch kein Pfad angelegt. Deshalb ist es für Eichelberger gar nicht sicher, dass die Realität unser Gehirn prägt – vielleicht ist es auch umgekehrt.

In manchen Kursen zur Kreativität werden vor den eigentlichen Übungen Hand- oder andere Körperbewegungen gemacht, die ungewohnt sind. Diese neuen Bewegungen stimulieren das kreative Hirn und können als Aufwärmübungen genutzt werden. In kleinem Rahmen und ohne Anleitung lässt sich dies umsetzen, wenn man Dinge, die man im Alltag mit der rechten Hand ausführt, einmal mit der linken Hand macht. Noch besser ist es, wenn man ein neues Musikinstrument lernt. Oder einen neuen Tanz. Auch ein neuer Schwimmstil eignet sich dazu. Alle ungewohnten Bewegungsabläufe sind eine großartige Stimulation für unser Hirn.

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Dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist, sagt uns die gleichlautende Redensart. Den meisten ist jedoch nicht bewusst, wie stark wir in diesen Gewohnheiten verhaftet sind. Auch hierzu hat Wojciech Eichelberger ein Experiment parat: Verschränke mit geschlossenen Augen die Arme vor der Brust (wie manche dominanten oder eher verschlossenen Personen). Prüfe in Gedanken, welche Hand oben ist und welche unten. Löse nun – weiterhin mit geschlossenen Augen – die Arme und verschränke sie anschließend so vor der Brust, dass die andere Hand oben ist. Für viele gar nicht so einfach; sie brauchen mehrere Anläufe, bis es klappt.

Wer um die Ecke denkt, stößt immer wieder auf Widersprüche. Diese auszuhalten, ist eine Kunst für sich; nicht jeder kann das. Deshalb sollten Kinder schon in der Schule lernen, Widersprüche zuzulassen. Denn mit jedem Widerspruch erweitert sich unser Erfahrungsbereich. Jede Erfahrung, auch wenn sie noch so negativ oder nutzlos erscheint, bringt uns weiter. Diese Robustheit ist wichtig; meist sind die schnellen Lösungen nämlich nicht die besten; sie sind selten originell oder optimal. Häufig muss man auf Widersprüche stoßen, bevor es weitergeht.

Ideen aus der zweiten Reihe

Oft sind nicht die Menschen am erfolgreichsten, die als Erste etwas Originelles auf den Markt bringen, sondern ihre Nachfolger. Denn die haben die Möglichkeit, an der ursprünglichen Idee zu feilen und sie zu verbessern. Es ist deutlich einfacher, bereits Vorhandenes zu optimieren, als etwas komplett Neues zu erschaffen. Man muss also nicht immer der Erste sein, der etwas tut – sondern derjenige, der anders – und besser! – ist.

Phil Dobson, ehemaliger Musiker, bringt ein anschauliches Beispiel, wie das Ergebnis eines Um-die-Ecke-Denkens aussehen kann: Er erzählt von einem Hotel, das aufwendig neu renoviert wurde: Nach der Renovierung war das Hotel sehr schick – bloß beschwerten sich die Hotelgäste darüber, dass der Fahrstuhl so langsam sei. Was tun? Üblicherweise würde man darüber nachdenken, wie man den Fahrstuhl beschleunigen könne. Das aber war in diesem Fall nicht die Lösung. Stattdessen hängte die Hotelleitung im Flur schöne große Spiegel auf, in denen sich die wartenden Menschen betrachten konnten. Denn wer schaut sich nicht gern selbst im Spiegel an? – Das Problem war hier, wie sich herausstellte, nicht die Schnelligkeit des Fahrstuhls, sondern die Wartezeit. Dadurch, dass jemand das Problem in einem neuen Licht gesehen hatte, ergab sich eine ganz neue, mehr als zufriedenstellende Lösung, die weitaus kostengünstiger war. Einfach dadurch, dass man sich nicht für das Naheliegende entschieden hatte.

Wobei man nicht immer gedankliche Muster durchbrechen muss. Manchmal reicht es auch, ein guter Beobachter zu sein – ob man nun als Marketingmanager die Zielgruppe genau studiert, als Unternehmensleiter die Konkurrenz mit ihren Produkten oder einfach nur als Familienmutter Alltagsgegebenheiten. Ist jemand ein guter Beobachter, wird er selbst in bekannten Situationen Neues entdecken. Hierbei gilt es, sich von der herkömmlichen Sichtweise zu lösen und die Dinge mit einem frischen Blick zu betrachten. So entdeckt man Zusammenhänge, die andere vielleicht gar nicht sehen, weil sie ihnen selbstverständlich erscheinen.

Multitasking und Interdisziplinarität

Es ist längst wissenschaftlich erwiesen, dass Multitasker weniger effizient sind als Menschen, die sich auf nur eine Sache konzentrieren. Doch beim kreativen Schaffensprozess kommt Multitasking wieder ins Spiel, und zwar in Form eines Slow-Motion-Multitaskings, das Tim Harford, Ökonom und Journalist, vorstellt. Einer Studie von Bernice T. Eiduson zufolge springen diverse führende Forscher bei ihrer Arbeit von Thema zu Thema und publizieren gerade deshalb so viel. Diese Erkenntnis erscheint erst einmal kontraintuitiv, doch schaut man genauer hin, arbeiten viele Künstler und Wissenschaftler so. Sie wechseln nach Lust und Laune zwischen einzelnen Projekten und sind dadurch mit mehr Elan bei der Sache. Eine langjährige Beschäftigung mit nur einem Thema kann ermüden, deshalb ist es gut, zwischendurch mit einem frischen Blick bei einem anderen Thema weiterzumachen. Zudem gewinnt man so neue Impulse oder entdeckt Parallelen – diese Erkenntnisse können wiederum in das andere Projekt einfließen. Selbst Einstein hat so gearbeitet: Er hat vier Arbeiten gleichzeitig angefertigt.

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Sogar wenn man nebenbei etwas macht, was mit der eigentlichen Tätigkeit nichts zu tun hat, kann dies bereichernd sein: Im Zusammenhang mit einer Studie an angehenden Augenärzten hat man entdeckt, dass diese zu besseren Medizinern wurden, als sie nebenbei einen Kunstkurs besuchten. Die Kontrollgruppe hatte dieselbe Ausbildung ohne Kunstkurs absolviert und schnitt bei Tests schlechter ab.

Gerade bei komplexen Fragestellungen ist es wichtig, sie nicht nur aus der Perspektive einer bestimmten Wissenschaft zu betrachten: Relevante Probleme erstrecken sich meist über mehrere Domänen. Jede einzelne Disziplin, die man zur Lösung des Problems hinzuzieht, hat einen anderen Ansatz, von dem die anderen an der Problembearbeitung beteiligten Parteien lernen können. Durch diese Interaktion kommen Lösungen zustande, die über das hinausgehen, was Vertreter einer einzelnen Disziplin zustande bringen würden.

Neben weiteren Tipps zur Steigerung der eigenen Kreativität erklären wir im nächsten Teil, wie du deine Kinder kreativer machst.

 

Alle Quellen sind am Ende von Teil 4 zu finden.

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