„Eigentlich finde ich Schule ganz gut“

Frei, nicht nur beim Malen

Text: Andrea Kret

Eine demokratische Schule … Klingt auf jeden Fall anders. Und spannend. Was sich wohl dahinter verbirgt? Ich werde es bald herausfinden, denn ich bin für zwei Tage bei der FREIWÄRTS zu Besuch.

Am Eingang schnell in die Hausschuhe schlüpfen – das wird hier so gemacht – und schon bin ich mittendrin im Morgenkreis, der den täglichen Auftakt bildet. Hier wird besprochen, was gerade so anliegt: Wer ist heute da, wer fehlt? Wer räumt die Garderobe auf? Die Kinder erfahren, dass es ab sofort einen Tischtenniskurs gibt, in dem sie Angaben und Schmettern lernen können. Während die älteren Schüler zügig durch sind mit dem Morgenkreis, dauert es bei den Grundschülern länger. Weil die viel Quatsch machen, wie mir Mona[1] aus der Sekundarstufe erklärt, die sich gleich zu Anfang mit mir anfreundet.

Kurz vor halb zehn werden die Kinder zum ersten Kurs des Tages zusammengesucht. Erika, die Schulleiterin und -gründerin, geht durch die Räume und schaut in alle Ecken des Schulhofs, bis sie alle Kinder beisammen hat. Einige von ihnen können noch gar nicht die Uhr lesen und wissen nicht genau, wann die Stunde beginnt. Andere wiederum sind so in ihr Spiel vertieft, dass sie die Zeit vergessen. Auch ich werde von Erika eingesammelt, weil ich die Räume verwechsle und ganz woanders sitze.

„Sing together“ steht gleich morgens auf dem Programm. Mit den Kindern und Erika zusammen schmettere ich ein Lied von Lena, welches ich nicht kenne, das sich aber jemand hier gewünscht hat. Es ist nicht schlimm, dass ich nicht wirklich singen kann, versichert mir Erika. Der Spaß steht im Vordergrund. Ich schlage mich tapfer. Das Mädchen zu meiner Linken guckt ab und an, ob ich auch wirklich mitsinge. „Warum heißt das Lied eigentlich ‚Thank you‘? Warum bedankt sich Lena für die Rückschläge, die sie erlebt hat?“, fragt Erika, als der Song zu Ende ist. Die Kinder überlegen. Vielleicht weil sie danach stärker ist. „Das singt sie ja auch: I am stronger now“, sagt ein Mädchen. „Das heißt ‚Ich bin stärker‘“. Jemand anders nickt zustimmend.

Zahlenwelt

Direkt nach dem Singen steht die „Zahlenwelt“ auf dem Tagesplan. Heute nimmt nur die kleine Ilma teil; die anderen sind krank oder wollen unbedingt noch mit ihren Freunden spielen, die sie wegen der bevorstehenden Ferien lange nicht sehen werden. Ilma malt eine Zahlenmauer an die Tafel: Das Fundament bilden viele Ziegelsteine, auf die sie jeweils eine Zahl schreibt. Die Summe von zwei nebeneinanderliegenden Steinen ergibt den Wert des Steins, der darüber platziert wird. Durch die Zahlenmauer und ähnliche Übungen kommt Ilma mit Zahlen in Berührung und lernt spielerisch addieren. Ähnliches gilt für das „Buchstabenland“, das dienstags stattfindet, nur dass dort Buchstaben und erste Wörter im Vordergrund stehen. Während Schülerin und Lehrerin überlegen, ob man die Zahlenmauer auch von oben nach unten bauen kann (anders als im Bauwesen kann man das tatsächlich, auch wenn es schwieriger ist), kommt noch ein Mädchen hinzu, das ebenfalls gern mitmachen möchte. Karina, die Lehrerin, hat für die beiden einen Geheimtipp, wie man manche schwierigen Zahlen addieren kann: „Wenn ihr die 9 und die 5 habt, könnt ihr euch die 9 einfach als 10 vorstellen. 10 plus 5 sind 15. Davon zieht ihr eine 1 ab, weil ihr ja eigentlich eine 9 und keine 10 hattet.“ – Clever.

Aber das ist noch nicht alles, was die beiden Mädchen heute lernen. Karina erklärt das Gleichheitszeichen, das richtige Mathematiker nutzen: Man kann es sich wie eine Waage vorstellen; rechts und links muss dasselbe stehen. Auch die römischen Zahlen kommen dran und Ilma entdeckt, dass sie eine 1051 ist (M = 1000, L = 50, I = 1). Ich stelle fest, dass ich trotz der vielen Buchstaben in meinem Vornamen nur eine 500 bin, nur das D lässt sich in der römischen Zahlenschreibweise verwenden – schade aber auch.

Wer schnitzt, der sitzt

Täglich finden etwa drei bis vier Kurse an der FREIWÄRTS statt, wobei sich der Wochenplan ständig ändert: Mal werden von der wöchentlichen Schulversammlung neue Kurse freigegeben, die sich jemand gewünscht hat, andere verschwinden wieder, weil sich niemand mehr dafür interessiert. Momentan steht „Schnitzen“ auf dem Programm, bei dem die Kinder ganz frei all das schnitzen, was ihnen in den Sinn kommt. Was das am Ende sein wird, wissen sie noch gar nicht. So wie ich beim Schreiben dieses Artikels noch nicht weiß, wie er sich entwickeln wird. Wer doch Inspiration braucht, für den liegen 50 Karten mit Ideen und Anleitungen bereit: Einen Löffel findet man da zum Nachschnitzen, einen Minikreisel oder beispielsweise einen Kleiderhaken. Die wichtigste Regel ist aber: Wer schnitzt, der sitzt. Und schnitzt immer vom Körper weg.

Der Schnitzkurs wurde von den Jungs initiiert, beantragt und anschließend von der Schulversammlung freigegeben. Wie auch das „Experimentieren“. Oder die „Access Bars“, eine Methode des Handauflegens. Die „Bars“ werden von einer Schülerin angeboten, die den anderen diese Art der Energiearbeit nahebringen möchte. Doch die Blütezeit dieses Kurses ist vorbei, vermutlich wird er bald von etwas anderem abgelöst. Im Moment ist Spanisch sehr beliebt, deshalb gibt es gleich drei Einheiten in der Woche, für Anfänger und Fortgeschrittene. Freitags kommt die Englischlehrerin ins Haus und gibt vor allem Einzelstunden – alle haben festgestellt, dass das im Englischen für sie am besten funktioniert.

Bei den Kursen geht es immer nach den Bedürfnissen der Kinder. Angeboten wird das, was sie interessiert. So gab es schon mal einen Programmierkurs, einen Witzekurs, einen Zeichen- und Malkurs, einen Zauberwürfelkurs und einen Kurs zum Allgemeinwissen. Die Kursleiter haben hier keine klassische Lehrerrolle zu erfüllen, sie sind nur zur Unterstützung anwesend – die Kinder bringen sich alles eigenständig bei. Sie können auch selbst einen Kurs leiten; das ist hier durchaus erwünscht: Wer etwas kann, gibt sein Wissen an die anderen weiter. Es funktioniert wie das Tauschgeschäft früher, als es noch kein Geld gab: Du hast etwas, was ich haben möchte – vielleicht kann ich dir dafür im Gegenzug zu einem späteren Zeitpunkt etwas anderes anbieten. Es ist ein Geben und Nehmen. Der Verlauf einer Lerneinheit ist nicht vorherbestimmt, sie entwickelt sich und wechselt mit den Teilnehmern, ihren Stimmungen, dem aktuellen Interesse. Die Kursleiter schauen, was sich in der halben oder ganzen Stunde ergibt. Die Ideen für die Kurse stammen auch nicht von ihnen, sondern von den Kindern, wobei es mal sein kann, dass sich aus einem Gespräch zwischen Lehrerin und Schülern etwas ergibt, dass man auf Gemeinsamkeiten stößt und diese dann in einen neuen Kurs münden. Alle, die wollen, lernen gemeinsam; es gibt keine Schulstufen.

Was wäre, wenn jemand Japanisch lernen will, frage ich Karina. Dann würde der Mensch, der das möchte, einen Antrag in der Schulversammlung stellen. Wenn der Kurs zustande kommt, machen sich alle Gedanken darüber, wie er umgesetzt werden kann. Mehrere Möglichkeiten stehen zur Verfügung: Entweder gibt es eine Schülerin, die schon Japanisch kann und es den anderen beibringt. Oder man entscheidet sich für eine Lernsoftware, die auf den Schulrechnern installiert wird. Oder aber es wird jemand eingestellt, der die Sprache unterrichtet.

Wald, Pilz, Frosch – das klingt nach Lernen

„Wald“ steht noch auf dem Wochenplan. Das hört sich interessant an und ich frage nach. Einmal in der Woche gehen Erwachsene und Kinder in den Wald. Die Schule liegt vor den Toren Hamburgs und ist vom Sachsenwald umgeben. Gemeinsam schaut die Gruppe, was ihr dort begegnet: Manchmal sind es Frösche. Manchmal Pilze – der hervorragende Anlass dafür, nach Schulschluss zur Oma zu laufen und ihr das Pilzbuch abzuluchsen, das im Regal steht. Um es am nächsten Tag in die Schule mitzunehmen, damit alle lernen können, welche Pilzarten in unseren heimischen Wäldern wachsen. Einmal aber haben die Kinder im Wald Müll gefunden, entsorgte Altgeräte, die einfach so herumlagen und dort nichts zu suchen hatten. Nach ihrer Rückkehr haben alle zusammen recherchiert, wen man deswegen verständigen könnte, haben dort angerufen und die Angelegenheit geklärt. Wieder etwas dazugelernt. – Und irgendwann war der Müll weg.

Lernen geschieht hier auf freiwilliger Basis. Und funktioniert deshalb so gut. Jedes Kind bestimmt selbst, was es lernen möchte. Dadurch ist es dabei auch wirklich motiviert. Zum einen lernen die Kinder voneinander: Wenn jemand sieht, dass die Spielkameradin neben ihm am PC tolle Sachen programmieren kann, will er das unbedingt auch lernen. Er hat vielleicht auch schon eigene Ideen, was er mit dem Programm anstellen könnte. Also lässt er sich von der Sitznachbarin alles erklären. Denn so funktioniert Lernen noch besser: wenn ich etwas von jemandem erklärt bekomme, der in einem ähnlichen Alter oder in einer ähnlichen Situation ist wie ich.

Zuallererst lernen die Kinder frei, zum Beispiel indem sie einen Flieger steigen lassen und so feststellen, dass es so etwas wie eine Schwerkraft gibt. Später, wenn es an die Prüfungen geht, kommt mehr Struktur hinein: Neben Deutsch, Englisch und Mathe, die feststehen, entscheiden sie sich für bestimmte Fächer oder Schwerpunkte, in denen sie einen Abschluss machen möchten, und melden sich für die entsprechenden Prüfungskurse an. Da die Schule zehn Schulstufen umfasst, können sie hier den offiziellen ESA- oder MSA-Abschluss machen. ESA steht dabei für den ersten allgemeinbildenden Abschluss (früher Hauptschulabschluss), MSA für den mittleren Schulabschluss (früher Realschulabschluss).

Die Vorbereitungskurse finden in Gruppen statt, wobei auch hier bedürfnisorientiert und in eigenem Tempo gelernt wird. Die Kinder haben die Aufgabe, am Ende eines Tages das, was sie heute Neues gelernt haben, eigenständig zu rekapitulieren. Ihnen wird eine Mentorin oder ein Mentor zur Seite gestellt, der sie auf ihrem Weg zum Schulabschluss begleitet und ihnen Unterstützung bietet. Die Mentoren werden im Regelfall von den Schülern gewählt, denn die Voraussetzung für gutes Lernen ist, dass man dabei von jemandem begleitet wird, den man gern mag und zu dem man eine gewisse Bindung entwickelt.

Ergänzend zu den Mentoreneinheiten helfen sich die Kinder gegenseitig. Das geschieht aber auch bei jeder anderen Gelegenheit. Ich betrete den großen Aufenthaltsraum und sehe einige kleine Kinder Schach spielen. Ein größeres Mädel ist dabei; es erklärt den Kleinen hin und wieder etwas. Ein jüngeres Mädchen kommt zu mir und fragt mich – mir nichts, dir nichts – nach meinem Lieblingstier. Ich stutze und überlege kurz. Hund! Als ich nach ihrem Lieblingstier frage, erfahre ich, dass es der Elefant ist. „Warum?“, will ich wissen, doch da läuft sie schon davon, weil sie zum Spielen gerufen wurde.

Mehr Demokratie für die Kids

Warum nennt sich die FREIWÄRTS eigentlich „demokratische Schule“? – Weil die Kinder hier wesentlich mitbestimmten können. Zum einen entscheiden alle in der Schulversammlung über die Verwendung eines Teils vom Schulbudget: was angeschafft wird, welche Materialien man für einen Kurs braucht zum Beispiel. Auch werden in der Schulversammlung Regeln besprochen, eingeführt, bei Bedarf angepasst und manchmal sogar wieder abgeschafft. Die Kinder wählen nicht nur die Kurse aus, die stattfinden, sondern entscheiden auch frei, ob sie an einem bestimmten Tag selbst daran teilnehmen möchten. Ist ihnen heute mal nicht nach Mathe, können sie stattdessen im Schulhof spazieren und ihren eigenen Gedanken nachhängen. Oder sich in eine gemütliche Ecke zurückziehen. Oder aber mit den anderen herumtoben. – Ich sehe einige Kinder draußen barfuß herumlaufen, denke automatisch „Brrr!“. Immerhin haben wir Ende September, da habe ich schon Schal und Mütze aus dem Schrank geholt. Andererseits: wenn ihnen das nichts ausmacht und es ihnen sogar guttut, warum nicht …

Demokratisch, heißt das beliebig? Ganz und gar nicht. An der FREIWÄRTS gibt es mehr Regeln als an anderen Schulen. Mit dem Unterschied, dass diese aus den Bedürfnissen der Gemeinschaft heraus entstanden sind, bei einer Sitzung der Schulversammlung. Frei ist der Einzelne nur solange, wie seine Handlungen die anderen nicht beeinträchtigen. Tritt dieser Fall doch ein, wird nach einer Lösung gesucht. Zur Demokratie gehört auch, dass Lehrer und Schüler sich auf Augenhöhe begegnen. Deshalb werden diese beiden Begriffe hier auch gar nicht verwendet. Die Erwachsenen sprechen von Menschen, wenn sie die Kinder meinen. Das Wort Kind enthält nämlich eine Wertung – und zeigt eine Hierarchie auf, genauso wie der Begriff Schüler. Und dabei gibt es nur große und kleine Menschen. Die Lehrer bezeichnen sich selbst als Mitarbeiter. Und eine Begegnung auf Augenhöhe heißt hier auch, dass alle sich duzen.

Auch wenn die Lehrer sich nicht als solche bezeichnen, haben sie durchaus eine Lehrerausbildung oder eine dem Zweiten Staatsexamen gleichwertige Ausbildung nach Vorgabe des Ministeriums für Bildung durchlaufen – wie es auch an Regelschulen vorgeschrieben ist. Mit dem Unterschied, dass sich die Mitarbeiter der FREIWÄRTS stark für das alternative Lernen interessieren und im Laufe ihrer Lehrerausbildung wissen wollten, ob da noch mehr ist als das, was sie an den Regelschulen erwarten würde. Ob es vielleicht doch eine Lernform gibt, die das intrinsisch motivierte Lernen stärker berücksichtigt. Karina hat bei ihrer Suche nach Alternativen die FREIWÄRTS entdeckt und setzt hier um, was ihrer Vorstellung vom Lernen gerecht wird. Auch die Schule selbst findet trotz aller Freiheiten ihren Platz in unserem Schulsystem, denn es gilt, die Vorgaben vom Ministerium zu erfüllen. Die Kinder sollen hier wie woanders in einem bestimmten Alter einen genau definierten Wissensstand haben – und den haben sie auch. Die Lernfortschritte jedes einzelnen Schülers werden von den Lehrkräften festgehalten.

Beam me up, Smarty!

Nach ein paar Stunden an der FREIWÄRTS fällt mir auf, dass hier etwas anders ist. Es herrscht eine ganz andere Grundstimmung als an den Orten, die ich sonst so kenne. Zuerst weiß ich nicht genau, woran das liegt. „Sag mal, hier schaut keiner aufs Handy“, frage ich einen Lehrer. „Wie kommt das?“ Er erklärt mir, dass die Kinder ihre Smartphones vor Schulbeginn abgeben. „Keiner soll sich hier wegbeamen; das Miteinander ist wichtig.“ Was das ausmacht! Ob am Arbeitsplatz, in der Stadt oder sogar im privaten Rahmen: Fast jede Interaktion wird heutzutage durch den Blick aufs Handy gestört, durch das Mal-kurz-eben-Zurückschreiben. Alle sind ständig in einer Parallelwelt unterwegs. Wie erholsam es ist, wenn das wegfällt, erkenne ich erst, als es mal anders ist. Und es scheint auch niemand das kleine Wundergerät zu vermissen. Deshalb lasse ich es auch in der Tasche, als ich gerade Leerlauf habe und nicht weiß, was ich als Nächstes anfangen soll. „Ist dir langweilig?“, fragt mich ein kleines Mädchen, weil ich etwas verloren am Eingang stehe und aus dem Fenster schaue. „Nein, nein, ich warte nur auf die Englischlehrerin“, rechtfertige ich mich. Füge nach kurzem Zögern jedoch hinzu: „Aber du hast Recht, ein bisschen langweilig ist mir auch.“ Zum Glück kommt tatsächlich die Englischlehrerin vorbei und nimmt mich mit zu ihrem Hörverständnisunterricht.

Aber noch etwas ist anders an dieser Schule. Es ist die Art, wie hier miteinander umgegangen wird. Denn die FREIWÄRTS hat sich der gewaltfreien Kommunikation verschrieben. Mit „Gewalt“ ist nicht nur die körperliche Gewalt gemeint – man kann seinem Gegenüber auf unterschiedliche Arten Gewalt antun: durch Worte, aber auch durch Handlungen, die vielleicht gar nicht so gemeint waren. Marshall Rosenberg, der Psychologe, von dem der Begriff der „nonviolent communication“ stammt, ging unter anderem davon aus, dass hinter jeder Handlung, die einem Einzelnen oder der Gemeinschaft nicht gut tut, ein Bedürfnis steht. Deshalb bringen Sanktionen als Reaktion auf „ungezogenes Verhalten“ auch nichts; das Bedürfnis verschwindet danach nicht einfach. Es wird früher oder später an anderer Stelle wieder auftauchen.

Der Vertrauenskreis

Daher wird Konflikten an der FREIWÄRTS nicht aus dem Weg gegangen; sie bieten vielmehr eine Chance, etwas zum Positiven zu verändern. Und Konflikte gibt es hier so einige – wie übrigens überall sonst auch, wo verschiedene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinandertreffen. Zuerst versuchen die beteiligten Parteien hier, das Problem untereinander zu lösen. Gelingt es nicht, wird jemand hinzugezogen, ein Vermittler, der die Situation noch einmal aus einer anderen Perspektive einordnet. Ist auch das nicht von Erfolg gekrönt, werden die Beteiligten zum Vertrauenskreis geladen. Dieser findet heute im „namenlosen Raum“ statt. Die Kinder, die neu sind, fürchten sich vor dem Gespräch, denn sie erwarten, dass hier eine Suche nach den Schuldigen stattfindet. Haben sie etwas „ausgefressen“, folgt sicherlich eine Rüge. Doch das ist ganz und gar nicht das Ziel des Vertrauenskreises. Um das zu signalisieren, sitzen die Teilnehmer tatsächlich im Kreis – es gibt keine Hierarchie.

Hier wird nicht bewertet, sondern beobachtet: Was genau ist vorgefallen? In einem zweiten Schritt versucht der kleine Mensch oder der Mitarbeiter das Gefühl zu bestimmen, das mit dem Ereignis zusammenhängt. Das ist nicht immer ganz einfach, denn seiner Gefühle ist man sich oft nicht bewusst. „Ich fand das doof, als du mich geschubst hast“ ist zum Beispiel gar kein Gefühl. Um dem entsprechenden Gefühl auf die Spur zu kommen, liegen Karten aus. Für die ganz kleinen Teilnehmer sind Bilder drauf, auf denen Emotionen bildlich dargestellt sind. Die größeren finden darauf Begriffe wie „schockiert“, „betrübt“ oder „verletzt“, die als Hilfe dienen. Im nächsten Schritt bestimmt die Person das Bedürfnis, das damit zusammenhängt, wie zum Beispiel „Fürsorge“, „Liebe“, „Nähe“ oder „Unterstützung“, und äußert eine Bitte: Was brauche ich, damit mein Bedürfnis gestillt ist? Die Mitarbeiter, die dem Vertrauenskreis beiwohnen, unterstützen die Kinder dabei, diese Bitte zu formulieren.

Konflikte sind toll

Fast jeden Tag finden an der FREIWÄRTS Vertrauenskreise statt. Die Ergebnisse der Gespräche sind immer wieder erstaunlich. Denn gräbt man etwas tiefer und kommt unter die Oberfläche, wird deutlich, dass es bei einem Problem oftmals um etwas ganz anderes ging, als gedacht. Hinzu kommt, dass Kinder oft ganz andere Strategien zur Bewältigung eines Konflikts entwickeln als Erwachsene.

In einem Fall ging es darum, dass ein kleiner Junge alle um sich herum immer wieder geärgert hat. Die anderen hat das irgendwann gestört, klar, und so wurde ein Vertrauenskreis einberufen. Beim Gespräch kam heraus, dass der Junge immer dann die anderen ärgerte, wenn er hungrig war. Damit hat keiner gerechnet. Und plötzlich war das Verständnis da: „Klar, wenn ich Hunger habe, geht es mir auch so wie dir“ waren die Reaktionen. Das Ergebnis des Vertrauenskreises war, dass eine Notration eingeführt wurde, die in der Küche zu finden ist – für den Fall der Fälle.

Bei einem anderen Zwischenfall hat ein Kind aus Versehen ein Spielhaus kaputt gemacht, das jemand anderem gehörte. Die Lösung für diesen Unglücksfall war nicht, den Gegenstand neu zu besorgen. Viel wichtiger war es, dass die Besitzerin des Gegenstands in ihrer Traurigkeit wahrgenommen wurde – das Spielhaus hatte für sie einen besonderen Wert gehabt, weil es ein Geschenk von ihren Großeltern gewesen war, die weit weg wohnten. Die Anerkennung ihres Verlustgefühls stellte sich als viel wichtiger heraus als die Neubeschaffung.

Auch für den gesperrten Kreativraum wurde eine Lösung gefunden. Dieser Raum ist eine Art Bastelraum, in dem die Kinder alles finden, was sie brauchen, um die Projekte, die zuerst einmal in ihrem Kopf entstehen, umzusetzen: Schmuckperlen, Acrylfarben, eine Heißklebepistole, eine Nähmaschine zum Nähen von Puppenkleidern – und in den unzähligen Schubladen und Fächern sicher noch viele andere Dinge, die ich gerade nicht sehe, als ich durch den Raum schlendere. Hier werden Musikinstrumente aus einfachsten Materialien hergestellt oder Upcyclingprojekte durchgeführt: Aus alten, nutzlosen Sachen bauen die Kinder etwas ganz Neues, was wieder Verwendung finden kann. Ich habe mich hineingeschlichen, denn eigentlich ist der Raum gesperrt. Weil die, die ihn nutzen, hinterher nicht immer aufgeräumt haben. Die Kinder sollen merken, dass hier etwas nicht nach den Regeln gelaufen ist. Nun haben sich die Schüler mit einer Ausbilderin zusammengesetzt und sich etwas ausgedacht, um das Problem zu lösen: Zusätzlich zu der Einführung in den Raum, die es bisher für alle neuen Nutzer gegeben hat, wird er gemeinsam einige Male zur Probe aufgeräumt. Auf diese Idee sind die Kinder gekommen und wollen sie ausprobieren, sobald der Raum wieder offen ist.

Eine Scheibe zum Abschneiden

Von der Art der Kommunikation, die hier ganz alltäglich ist, bin ich wirklich beeindruckt. Wie viel Leid würden wir Erwachsenen uns ersparen, wenn wir unsere Bedürfnisse gut und klar kommunizieren könnten, wenn wir dem anderen mit Rücksicht und auf Augenhöhe begegnen würden, egal welchen Hintergrund er hat? Ob im Arbeitsleben oder in Beziehungen zu anderen: Wie viele Probleme entstehen dadurch, dass wir nicht zielführend miteinander reden, wie viele Menschen sind deshalb unglücklich? Natürlich kann jeder an sich arbeiten. Doch wer das versucht hat, weiß, was für ein langer und schwieriger Prozess das ist. Übt man so etwas täglich wie hier an der Schule – wie viel einfacher ist später das Erwachsenenleben?

Ich frage Erika, wie die Kinder damit zurechtkommen, wenn sie außerhalb der Schule auf Menschen treffen, die noch nie etwas von der gewaltfreien Kommunikation gehört haben und vieles von dem, was hier selbstverständlich ist, nicht kennen oder nicht verstehen. „Die Kinder, die hier groß werden, sind wie eine Pflanze, die gut behütet aufwächst“, sagt sie. „Diese Pflanze entwickelt einen festen Stamm, ist stabil und kann den Widrigkeiten des Lebens gut standhalten.“ Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass hier sozial kompetente Persönlichkeiten geformt werden, die es gelernt haben, in der Gemeinschaft gut zurechtzukommen. Und darauf kommt es aus meiner Sicht ganz entscheidend an.

Aber auch die Freiwilligkeit ist ein Modell, das man für das spätere Leben gut übernehmen könnte, beispielsweise im Berufsleben. Längst ist erwiesen, dass Menschen, denen man freie Hand lässt, die in ihrem Job ihre Stärken einsetzen können, Spaß an ihrer Arbeit haben und – jetzt kommt’s – auch wirklich gut arbeiten. Es gibt noch nicht so viele Arbeitgeber, die das erkannt haben, aber eine Ausbildung an der FREIWÄRTS könnte einer der ersten Schritte sein, in diesem Bereich umzudenken.

Wie kommen die Kinder, die Abitur machen und studieren wollen, später zurecht, frage ich Erika. „Sie haben Lücken“, gibt sie zu. „Aber – und das ist das Entscheidende – wenn sie sich für das Abitur entscheiden, sind sie hochmotiviert. Und sie schaffen es dann auch.“

Klar Schiff

12.30 Uhr. Aufräumen! In einer halben Stunde kommen die ersten Eltern, um ihre Kinder abzuholen, bis dahin soll alles picobello sein. Denn auch später räumt einem niemand hinterher. Die Kinder schnappen sich Handfeger und Schaufel, räumen Schnipsel und Krümel weg. Wobei – nicht alle Kinder. Es gibt pro Raum ein kleines Team, das dafür zuständig ist. Wie genau aufgeräumt werden soll, steht auf dem Aushang an der Tür, für die kleineren Kinder als Piktogramm. Nach dem Aufräumen kommt das Abnahmeteam, das wie das Aufräumteam Woche für Woche neu formiert wird, und schaut, ob alles okay ist. Falls jemand mal ausfällt, wird beim Morgenkreis Ersatz gesucht. Dieses rotierende System funktioniert richtig gut, und das Beste daran: In der dritten Woche hat man frei und muss sich um nichts kümmern.

Um 14 Uhr findet das Teammeeting der fünf Mitarbeiter statt. Alle lassen gemeinsam den Tag Revue passieren, klären offene Fragen, besprechen Konflikte und reden darüber, was diese mit der Gemeinschaft machen; die Vertrauenskreise für den nächsten Tag werden angesetzt. Parallel sind auch schon die Eltern eingetroffen, doch nicht alle wollen heute ihre Kinder abholen.

Auch Eltern mit an Bord

Eine Elterninitiative hat sich kürzlich zusammengefunden, die die Schule barrierefrei gestalten möchte. Ein professioneller Maurer ist dabei – was ich anhand der eindrucksvoll gestalteten Rollstuhlrampe auf der Rückseite des Gebäudes gezeigt bekomme. „Auch die Eltern bringen ihre Stärken ein“, erklärt mir Jörg, der mit seinem Jüngsten an der rechten Hand und einer Schaufel in der linken gerade angekommen ist. „Die Eltern gehören ebenfalls zur Gemeinschaft“, meint er. „Und engagieren sich in verschiedenen Gruppen. Es gibt zum Beispiel eine Gartengruppe. Oder einen Reinigungsarbeitskreis.“ Ich erfahre von ihm, dass es hauptsächlich drei Gründe dafür gibt, seine Kinder auf eine demokratische Schule zu schicken: Entweder haben die Eltern früher selbst schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht. Oder ihre Kinder kamen mit dem starren System dort nicht gut zurecht. Oder aber die Eltern selbst sind überzeugt von der Idee, die hinter den demokratischen Schulen steckt.

Er selbst muss in seinem Verwandten- und Bekanntenkreis viel Überzeugungsarbeit leisten, denn natürlich sind viele, die mit dem bekannten Schulsystem groß geworden sind, anfangs skeptisch. Immer wieder kommt die Frage, ob aus den FREIWÄRTS-Kindern überhaupt was werden würde. „Muss aus einem denn unbedingt was werden?“, kontert Jörg. Aus seiner Sicht wird es hier, wie woanders auch, Menschen geben, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Aber auf der anderen Seite werden die meisten hinterher ein erfülltes Leben führen, weil sie hier die Möglichkeit hatten auszuprobieren, wo ihre Stärken liegen. Ganz ohne Konkurrenzdruck, ohne Noten und ohne Vergleich. „Hier werden die Kinder nicht verglichen; sie ergänzen einander.“

Jörg verrät mir, dass er gar nicht genau weiß, was an der Schule passiert. Die Konflikte, die es hier geben mag, klären die kleinen und großen Menschen unter sich. So ist die Privatsphäre der Kinder gewahrt. Die Eltern werden nur in schwerwiegenden Fällen hinzugezogen. Was ihm allerdings aufgefallen ist: Seine Tochter ist viel ausgeglichener, seit sie die demokratische Schule besucht.

Und die Kinder selbst? Wie finden sie die FREIWÄRTS? „Besser als normale Schule, viel besser“, sagt Mona. Sie kommt hier viel besser zurecht als an der vorherigen Schule. Ein anderes Mädchen nimmt eine Stunde Anfahrtsweg in Kauf, um hier zu sein. „Eigentlich finde ich Schule ganz gut“, höre ich aus einer anderen Ecke. „Wieso eigentlich?“, fragt ein kleiner Junge empört. „Na ja, ausschlafen ist noch besser.“ Wo sie Recht hat … 😉

Senior Communication Experts

Mein Fazit nach zwei Tagen FREIWÄRTS? Es ist eine tolle Gemeinschaft, die hier entstanden ist und immer weiter geformt wird. Die Kinder haben viel Kontakt miteinander, deutlich mehr, als ich es von meiner Schulzeit her kenne. Sie blödeln herum (das gehört schließlich dazu!), tauschen sich aber auch aus, diskutieren miteinander, sind fröhlich und aktiv. An den beiden Tagen habe ich von den kleinen Menschen sehr viel gelernt – und ich habe ein neues Ziel: Ich will so gut kommunizieren können wie sie. Meine Freunde aber, die bei Treffen am Handy hängen wie am Tropf, werde ich bitten, das Ding doch einfach wegzulegen. Für ein neues Gefühl der Freiheit.

Ist das FREIWÄRTS-System das bessere?

Wie schneidet denn das System an der FREIWÄRTS gegenüber dem an einer Regelschule ab? Beendet ein Schüler die FREIWÄRTS, hat er nach acht Jahren einen Haupt- oder Realschulabschluss in der Tasche – wie an anderen Schulen auch. Hinzu kommen die sozialen Kompetenzen, die er im Laufe der Jahre erworben hat. Damit hat er einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Schüler an einer „normalen“ Schule. – Vielerorts kommt Kritik an dem gängigen Schulsystem auf (vgl. hierzu den Artikel ‚Lernen muss geil werden‘ – von Fingerspielen und Laptops). Die FREIWÄRTS, in der sich Kinder ganz frei und ihrem Tempo entsprechend bilden können, wo sie ihre Potenziale entfalten, könnte hier eine Lösung sein.

Hier geht es zum Internetauftritt der Schule.

Warum haben wir diesen Artikel geschrieben?

Für uns bei QUADRO ist es wichtig, ein Gespür dafür zu bekommen, was Kinder beschäftigt, was sie fordert und interessiert und was ihnen Spaß macht. Genau dieses Wissen lassen wir in unsere Produkte einfließen: damit Kinder auf eine möglichst natürliche Weise aufwachsen – und Eltern die Sicherheit haben, dass sie damit genau das Richtige für ihre Kinder tun.

 

Alle Namen von der Redaktion geändert.

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