Der hochbegabte Kletterer. Oder: Warum Spielen für uns alle wichtig ist

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Was bedeutet Spielen? Vielleicht hast du spielende Kinder vor Augen, die im Hinterhof einen Kreis auf den Boden malen. Oder aber ein paar Kartenspieler um einen Skattisch herum. Letzteres dient doch nur dem Zeitvertreib … um die freie Zeit möglichst angenehm rumzukriegen. Oder steckt vielleicht mehr dahinter? Natürlich würden wir nicht fragen, wenn es nicht so wäre. Ob nun Kinder spielen oder Erwachsene: Es passiert weit mehr, als man denkt.

Was ist Spielen überhaupt?

Das Charakteristische am Spiel ist, dass keine Absicht dahintersteckt; nichts Bestimmtes soll dabei herauskommen. Im Spiel erprobt man innerhalb eines abgesteckten Raums etwas, erfährt etwas, man probiert verschiedene Dinge aus. Und nimmt sich selbst dabei nicht zu ernst. Der Philosoph Christoph Quarch definiert vier Kriterien für Spiele:

1. Spiel ist immer etwas Gemeinschaftliches, ein Miteinander. Diese Verbundenheit mit anderen ist für uns Menschen sehr wichtig. Selbst wenn ein Kind allein spielt, hat es ein Gegenüber: in diesem Fall eben die Puppe oder den Bauklotz.

2. Nur jemand, der spielt, ist wirklich frei. Denn das Spiel hat immer einen offenen Ausgang: egal ob bei seiner Ursprungsform, dem kultischen Spiel, dem Rollenspiel von Kindern oder bei einem Wettbewerb. Auch beim kreativen Schaffensprozess, der ein spielerischer Akt des Erprobens ist, ist dem Künstler vorher nicht klar, was am Ende herauskommen wird. Er lässt sich einfach auf das Spiel ein.

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Und hier kommt auch schon das 3. Kriterium ins Spiel: das Erproben von neuen Möglichkeiten, das man als Kreativität bezeichnen kann. Nur wer loslassen und herumprobieren kann, ist in der Lage, etwas Kreatives hervorzubringen.

4. In jedem Spiel zeigt sich etwas. Im kultischen Spiel sind die Teilnehmer am Ende um eine Erkenntnis reicher. Beim „Mensch, ärgere dich nicht“ zeigt sich, wie meine Mitspieler reagieren, wenn etwas Ärgerliches passiert. Oder wie gut ich selbst diese Art von Frustration ertrage.

Wir denken oft, dass nur Kinder spielen oder das Recht haben zu spielen. Ja, es stimmt, Kinder im Vorschulalter sollten mindestens acht Stunden am Tag spielen. Aber auch wir haben ein Spielbedürfnis und tun gut daran, ihm möglichst häufig nachzugehen.

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Das Spiel der Kinder

Aber erst einmal zu den Kindern: Sie sind wahre Spielexperten, von denen wir uns viel abgucken können. Sie spielen aus einem inneren Antrieb heraus, nicht weil man ihnen gesagt hat, dass sie spielen sollen. Im Gegenteil: Fordert man ein Kind auf, auf einen Baum zu klettern, ist es kein Spiel mehr.

Je nach Alter spielen Kinder anders. André Frank Zimpel, Professor an der Universität Hamburg mit dem Schwerpunkt „Lernen und Entwicklung“, unterscheidet sechs Spielphasen, die aufeinander aufbauen:

Objekt- und Sujetspiel

Beim Objektspiel macht sich ein Baby mit seiner Umwelt vertraut; es fasst alles an und nimmt es in den Mund. Die zweite Phase, das Sujetspiel, wird auch Als-ob-Spiel genannt. Hier nehmen Dinge aus der unmittelbaren Umgebung des Kleinkinds in seiner Fantasie eine ganz andere Gestalt an: Die Thermoskanne wird zum unbezwingbaren Turm, der mit Wasser gefüllte Eimer zu einem See. In dieser Phase ist es meist so, dass sogar Kinder, die in demselben Raum sitzen, oft gar nicht miteinander spielen, sondern vielmehr aneinander vorbei. Das gehört zu dieser Spielphase aber dazu und sollte uns keine Sorgen bereiten.

Handspiel

Selbst das simple Spielen mit den eigenen Händen macht glücklich: Reibt man seine Hände aneinander, wird im Hirn die Produktion von Serotonin angeregt; die Laune steigt. Deshalb sind Handklatschspiele für Kinder eine so gute Sache.

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Rollenspiel

Eine weitere wichtige Phase, in die das Kind erst mit fortschreitendem Alter eintritt, ist die, in der das Rollenspiel einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Sie beginnt in etwa im Alter von vier Jahren. Hier bekommen die Kinder eine Idee von sich selbst; vorher war ihre eigene Person ein blinder Fleck und sie konnten sich nicht vorstellen, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Das Rollenspiel stellt eine komplexe Interaktion dar: Die Teilnehmer sprechen ein Thema ab, nehmen eine bestimmte Rolle ein und müssen ihr Verhalten darauf abstimmen. Ein Drehbuch entsteht. Rollenspiele bieten die Möglichkeit, verschiedene Strategien im sozialen Miteinander auszuprobieren: Möchte ich den Part des Bösewichts übernehmen, oder bin ich lieber der Gute? Wie reagiert meine Spielkameradin darauf, wenn ich mich so und nicht anders verhalte? Auch haben Kinder bei dieser Art von Spiel die Möglichkeit, Erfahrungen aus ihrem Alltagsleben aktiv zu verarbeiten.

Können Affen nachäffen?

Das Wesen des Spiels ist das Nachahmen; Kinder tun nichts lieber, als jemanden oder etwas nachzuahmen. Menschen sind die einzigen Säugetiere, die das gut können. Affen zum Beispiel sind gar nicht gut im Nachäffen. Viele Missverständnisse zwischen Eltern und Kindern kommen durch das Nachahmen zustande. Oft ist es zum Beispiel so, dass Kinder gar nicht von ihren Smartphones loskommen, wenn sie sie vorher häufig bei uns gesehen haben.

Regelspiel

Für Regelspiele, die die komplexeste Form des Spiels darstellen, lassen sich Kinder in etwa ab dem Einschulungsalter begeistern. Darunter fallen alle Spiele, bei denen es feste Regeln gibt, also auch Strategiespiele wie „Monopoly“. Gummitwist gehört ebenfalls dazu, denn auch das basiert auf Regeln. Bei beiden Spielen entfällt die Notwendigkeit, eine Rolle einzunehmen. Aber auch das Lesen und Schreiben sind im Grunde Regelspiele, wie auch die Mathematik. Der Reiz an dieser Art von Spielen ist, dass man Freude daran hat, sich an die Regeln zu halten.

Wettspiel

Beim Wettspiel, das sich erst im Schulalter entwickelt, geht es um die Einschätzung seiner Fähigkeiten: „Worin bin ich besonders gut?“ ist dabei meist die Frage. Hier misst man sich an Mitschülern und anderen Spielkameraden.

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Ernstspiel

Das Ernstspiel dient der Vorbereitung auf das Erwachsenenleben: Hier probieren Jugendliche aus, wie ernst es die Erwachsenen mit ihren Regeln wirklich meinen, begehen teilweise Straftaten, um dies zu testen.

Bei allen Arten von Spielen finden Kinder heraus, was möglich ist, aber auch was weniger gut funktioniert. Innerhalb der Spielregeln können sie sich frei fühlen, Dinge auszuprobieren, und haben die Möglichkeit, ihr Potenzial zu entfalten. Sie können ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten vervollkommnen und sich auf spielerische Weise weiterentwickeln.

Warum ist Spielen so wichtig?

Im Spiel entfalten Kinder nicht nur körperliche und geistige Fähigkeiten. Da sie dabei häufig mit anderen zusammenspielen, ist es auch jedes Mal eine Begegnung, bei der sie ihre sozialen Fähigkeiten weiterentwickeln. Sie lernen es zum einen, miteinander auszukommen, mit Niederlagen umzugehen, zum anderen aber auch nicht anzugeben, wenn sie mal gewonnen haben (und der andere verloren). Man hat festgestellt, dass Kinder, die häufig miteinander spielen, viel lieber teilen als solche, die es selten tun.

Archiv gesellschaftlicher Werte

Für Theo Poppe, Psychologe an der Universität Leipzig, sind Spiele ein Archiv gesellschaftlicher Werte. Im Spiel „Mensch, ärgere dich nicht“ steckt beispielsweise der Appell, ein guter Verlierer zu sein. André Frank Zimpel, Leiter des Zentrums für Neurodiversitätsforschung in Hamburg, sieht das aber als nicht notwendig an. Zahlreiche Untersuchungen haben ergeben, dass Kinder nicht zur Moral erzogen werden müssen; sie sind von Geburt an moralische Wesen, helfen unglaublich gern und haben Sympathien für Schwächere.

Spielen stärkt die Lebensfreude, da bei jedem bewältigten Hindernis unser Belohnungszentrum aktiviert wird. Dabei läuft der folgende Mechanismus ab: Im Gehirn ist ein Zustand von Inkohärenz entstanden: Wir verstehen etwas nicht, kennen es nicht oder sind zu etwas noch nicht in der Lage. Wir können unsere Wahrnehmung noch nicht einordnen. Sobald wir uns damit beschäftigen, beginnen wir zu verstehen und finden Lösungen. Die Irritation weicht einem Glücksgefühl – Botenstoffe, die ähnlich wirken wie Drogen, werden freigesetzt: Ein Gefühl der Freude oder Begeisterung durchströmt uns. Bei Kindern passiert dies häufig, deshalb haben sie so viel Spaß daran, in kurzer Zeit so viel zu lernen.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir beim spielerischen Miteinander Ängste verlieren; Druck und Zwang lösen sich in Luft auf. Wir fühlen uns frei – und damit schwindet zugleich unsere Angst. Dr. André Frank Zimpel ist der Ansicht, dass Amokläufer beispielsweise nicht genug Gelegenheit zum Spielen und Toben gehabt hatten und deshalb sehr starr in ihren Denkstrukturen sind – was in letzter Konsequenz zu solchen Taten führen kann.

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In unserem Leben scheint die Fähigkeit, seine Impulse zu kontrollieren, entscheidend zu sein. Du kennst sicher das Experiment, bei dem Kinder Süßigkeiten bekommen haben, zusammen mit zwei Optionen: 1. gleich essen, 2. abwarten und nach der Wartezeit zusätzlich noch einmal genauso viele Süßigkeiten geschenkt kriegen. Anhand dieses Experiments ließ sich vorhersagen, wie erfolgreich und glücklich diese Kinder später sein würden. Die, die warten konnten, führten im Erwachsenenalter ein zufriedeneres Leben. Kontrollieren Kinder den Impuls zuzugreifen, lernen sie, dass sich Anstrengung lohnt.

Das Kinderspiel ist generell dazu da, Impulse zu kontrollieren: indem die Knirpse sich zum Beispiel vorstellen, dass ein böser Zauberer Süßigkeiten vergiftet hat und sie deshalb nicht von ihnen kosten dürfen. Im Rollenspiel wiederum lernen sie, ihre Mimik und Gestik so einzusetzen, dass man nicht sieht, was sie gerade fühlen. Auch das kann, wie wir wissen, im Erwachsenenleben von Vorteil sein.

Bye-bye, Greifreflex

Wenn du dich gefragt hast, warum dein Kleinkind Dinge aus dem Kinderwagen herausschleudert: Das Kind macht es nicht, um dich zu ärgern, sondern übt sich in Impulskontrolle. Es hat den Greifreflex überwunden und freut sich immer wieder an der Erkenntnis, dass es Dinge auch loslassen kann.

Im Gegensatz zu Spinnen, die auf die Welt kommen und sofort wissen, wie man ein Netz spinnt, müssen Säuglinge und kleine Kinder erst lernen, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. In ihrem Gehirn herrscht ein Überangebot an neuronalen Kontakten – sie haben viel mehr davon als Erwachsene. All diese Kontakte stellen Möglichkeiten und Potenziale dar. Deshalb ist es wichtig, dass sich Kinder im Spiel ausprobieren können. So entwickeln sie sich ganz von allein weiter, absichtslos und unbewusst. Auf diese Weise festigen sich die Verbindungen in ihrem Gehirn. Alles, was nicht gebraucht wird, wird später abgebaut. André Frank Zimpel fasst diese Erkenntnis in ein schönes Bild: Wir kommen als Kosmopoliten auf die Welt und werden zu Provinzlern. Deshalb solltest du deinem Kind so oft wie möglich die Gelegenheit geben, zu entdecken und zu gestalten, zu spielen also.

Vielleicht doch Frühförderung?

In jedem Kindergehirn sind die Verbindungen bereits angelegt, dass es problemlos Quechua, Kisuaheli oder Mandarin sprechen könnte. Oder alle drei Sprachen auf einmal. Lernt das Kind diese Sprachen nicht, verschwinden die Möglichkeiten wieder und der Erwachsene hat meist immense Probleme mit den Eigenheiten einer fremden Sprache – beispielsweise die Tonhöhen im Chinesischen auseinanderzuhalten oder gar zu reproduzieren. Den Prozess bezeichnet man im Englischen als „Use it or lose it“. Und genau das macht vielen Eltern Angst: dass ihre Kinder das, was in ihnen angelegt ist, nicht vollends ausschöpfen, Potenziale verschenken. Deshalb organisieren sie für die Kleinen Gitarrenunterricht, die Teilnahme an der rhythmischen Sportgymnastik und schicken sie in einen zweisprachigen Kindergarten. André Frank Zimpels These ist aber, dass Frühförderprogramme die Kinder entweder über- oder unterfordern. Sein Rat ist, stattdessen mit seinen Kindern zu spielen oder sie spielen zu lassen; dann werden sie von allein klug.

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Unser Nachwuchs entwickelt sich nur dort, wo er die Möglichkeit hat zu spielen, nicht dort, wo jemand etwas bereits herausgefunden hat und dieses Wissen nur noch übermittelt. Schließlich braucht man für das Gehenlernen, einen hochkomplexen Vorgang, auch keine Schule. Die Zwerge erkunden auch hier spielerisch, wie es am besten klappen könnte (nicht ohne Rückschläge zwischendurch!) – bis sie es dann können. Diese Prinzip lässt sich auf andere Dinge übertragen: Ganz nebenbei entdeckt ein Kind während des Spielens Fähigkeiten, die in ihm schlummern: beispielsweise dass es die Gabe hat, Freunden besonders gut zur Seite zu stehen, wenn sie ihm ihre Sorgen und Ängste anvertrauen. Dieser kleine Mensch ist sozial besonders kompetent. Ein anderes Kind entdeckt vielleicht, dass es in der Lage ist, einen besonders hohen Turm aus Bauklötzen zu bauen. Gerald Hüther spricht in diesem Zusammenhang von einer Höchstleistung. Und auch vom „hochbegabten Kletterer“ – wenn ein Kind sich durch besondere Kletterkünste auszeichnet. Es gibt seiner Ansicht nach viele Arten von Begabungen, nicht nur die musische oder die intellektuelle.

Ich weiß, was du von mir willst

Eltern liegt oft besonders viel daran, dass ihre Kinder intelligent sind. Sie meinen damit die mathematische Intelligenz. Viel wichtiger ist aus Sicht André Frank Zimpels die soziale Intelligenz (die man unter anderem im Rollenspiel lernt): Dass die Reihe 2, 4, 6 mit einer 8 fortgesetzt wird, ist jedem klar. Nicht aber einem vermeintlich schlauen Computer, denn der kann auch Regeln finden, nach denen die Fortsetzung 342 wäre. Oder –19. Der PC ist nicht sozial intelligent. Wir aber sind es schon – und können uns denken, was man von uns erwartet: nämlich dass wir auf die naheliegende Zahl 8 kommen.

Angst und Freude

André Frank Zimpel rät deshalb von der Frühförderung ab, weil er weiß, dass Spielen die nachhaltigste und effizienteste Form des Lernens ist. Denn alles, was mit Freude gelernt wird, bleibt hängen. Positive Emotionen spielen dabei eine große Rolle. Sie sorgen dafür, dass wir uns an das Gelernte erinnern. Verantwortlich dafür sind die Botenstoffe in unserem Gehirn, die bei Emotionen ausgeschüttet werden. Sie sorgen dafür, dass ich mich gern an die Lernsituation erinnere und deshalb freiwillig wiederhole. Aus diesem Grund hat André Frank Zimpel eines seiner Bücher auch „Spielen macht schlau!“ genannt.

Aber auch negative Emotionen können dafür verantwortlich sein, dass etwas in unserem Gedächtnis hängen bleibt. Es ist sogar so, dass wir unter Angst am besten lernen. Das zeigen unter anderem Personen, die traumatische Erlebnisse durchgemacht haben – oft reicht ein einzelnes Geräusch, ein Geruch oder ein Bild, um das Ursprungstrauma (also das, was sie einmal in kürzester Zeit gelernt haben) wieder auszulösen. Doch auch wenn die Angst so gut wirkt, ist es viel klüger, spielerisch und mit Freude zu lernen.

Schule als Bremse der Potenzialentfaltung

André Frank Zimpel, Experte in Sachen Lernen, formuliert eine interessante Beobachtung: Kinder müssen nicht möglichst viel lernen, um sich weiterzuentwickeln. Es ist genau anders herum: Sie müssen sich geistig entwickeln, um nicht mehr so viel lernen zu müssen. Dafür ist für sie das Spiel ideal, denn sie unterscheiden gar nicht zwischen Lernen und Spiel.

Mittlerweile kommen immer mehr Stimmen auf, die dafür plädieren, das Lernen möglichst wenig durchzustrukturieren (vgl. hierzu den Artikel „Lernen muss geil werden“). Die Begründung: Kinder haben durch den Fokus auf Noten kaum Gelegenheit, ihren Leidenschaften nachzugehen und zu entdecken, welche Talente in ihnen stecken. Ohne Anleitung von außen stellen sie sich jenen Herausforderungen, die sie gut bewältigen können – die sie weder über- noch unterfordern. Sie selbst können es am besten einschätzen, was das gerade ist. Beim Spielen entwickeln sie Fantasie, und die ist nicht bloß Spinnerei! Um sich Atome, Bakterien oder andere komplexe Gegebenheiten vorzustellen, braucht man auch in späteren Jahren jede Menge Fantasie.

Erwachsene bleiben draußen

Viele Eltern stellen sich die Frage, ob sie sich am Spiel ihrer Kinder beteiligen sollen. Oder ob es gut wäre, wenn sie ihre Kinder zum Spiel ermuntern. Das ist nicht nötig; Kinder spielen von ganz allein. Wir Erwachsene können gegebenenfalls Ideen liefern oder ein Spiel anregen, das bereits in der nächsten Entwicklungsstufe liegt – aber erst wenn das Kind so weit ist, wird es sich auch wirklich gern damit beschäftigen.

Wir selbst sollten nicht mitmischen, wenn Kinder spielen, denn Erwachsenen sind längst nicht so begeisterungsfähig wie Kinder. Die Kleinen merken schnell, dass wir ihnen etwas vorgaukeln. Und erst recht sollten wir weder loben noch tadeln. Beides führt dazu, dass das Spiel schnell vorbei sein kann. Denn dann machen Kinder nicht mehr einfach drauf los, sondern werden von unseren Vorstellungen gelenkt, von unseren Erwartungen und Erziehungszielen. Selbst Lob ist schädlich – in vielen Versuchen konnte nachgewiesen werden, dass die Motivation von außen die intrinsische Motivation zerstört. Das Spiel der Kinder belohnt sich nämlich selbst.

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Diese Erfahrung hat auch Arno Stern gemacht, der seit Jahrzehnten den Malort in Paris leitet. Der Malort ist ein abgeschiedener Raum, in dem sich Kinder auf sich selbst konzentrieren können, und wo sie das malen, was aus ihnen selbst kommt. Es ist kein Ort der Vermittlung, denn das, was da entsteht, ist kein Kunstwerk: Es wird nicht erzeugt, um dem Betrachter zu gefallen, es hat auch keine Botschaft, wie es bei Kunst sonst der Fall ist. Es entsteht, weil das Kind spielt.

Arno Stern interessiert sich zwar dafür, was „seine“ Kinder da malen, und unterstützt sie dabei, er stellt aber kaum Fragen – denn Fragen führen dazu, dass die kleinen Malspieler sich rechtfertigen müssen. Sie geraten in eine defensive Position und fühlen sich unterlegen. Jede Belehrung, jede Beurteilung des Gemalten kann dazu führen, dass im Kind die Quelle der Spontaneität versiegt. Deshalb verbleiben alle Bilder am Malort und werden von der Außenwelt nicht betrachtet. Es reicht vollkommen, die Kinder in dem, was sie tun, ernst zu nehmen, sagt André Stern.

Playdates als neuer Trend?

Die Zeiten, als der kleine Max an der Tür geklingelt hat, weil er wissen wollte, ob sein Freund Karl zum Spielen herauskommen kann, sind vorbei. Wer in einer Wohnsiedlung wohnt, wird wissen, dass die dazugehörigen Spielplätze eher verwaist sind. Aus Sorge vor allem, was passieren könnte, lassen Eltern ihre Kinder nicht mehr frei herumlaufen, behalten sie lieber im Auge.

Der Kalender der Kleinen ist nicht nur mit Weiterbildungsmaßnahmen gefüllt, auch Freizeitaktivitäten werden zunehmend geplant. Gerade in den USA verabreden sich Eltern häufig zu Playdates: Sie treffen sich, damit ihre Kinder miteinander spielen können. Im Grunde ist das wie eine Art Dating für Erwachsene, denn oft ist nicht klar, ob die Eltern miteinander kompatibel sind. Steife Gespräche können da die Folge sein – und ein Korb fürs nächste Playdate. Passen die Eltern nicht zusammen, werden auch die Kinder nicht lange miteinander spielen. Oder aber die Eltern beißen in den sauren Apfel und verbringen Zeit mit jemandem, den sie gar nicht wirklich mögen. Diese Strukturierung der Freizeit führt dazu, dass Kinder nicht mehr so spontan und neugierig sind, wie sie es früher noch waren.

Arten von Spielen

Bevor wir uns dem Spiel der Erwachsenen zuwenden, ein Blick auf die Arten von Spielen, die heutzutage existieren. Christoph Quarch und Gerald Hüther unterscheiden in ihrem Buch „Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist“ fünf Arten von Spielen: Geschicklichkeitsspiele, Wettkampfspiele, Kultspiele, Schauspiele und Glücksspiele.

Geschicklichkeitsspiele

Geschicklichkeitsspiele sind oft reiner Zeitvertreib. Dabei entfalten wir unsere kognitiven oder motorischen Potenziale – ob wir nun beim Bouldern eine Wand erklimmen, Bälle jonglieren, ein Logikspiel lösen oder einen Helden am Computer durch verschiedene Spielwelten führen. Eine Entwicklung gibt es hier nur in einem begrenzten Rahmen, denn wir führen immer nur die gleichen Bewegungen oder Denkprozesse aus.

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Wettkampfspiele

Wettkampfspiele haben bei Pädagogen keinen guten Ruf, denn am Ende gibt es immer einen Gewinner. Und damit auch einen Verlierer. Die Konkurrenz ist bei dieser Art von Spiel besonders ausgeprägt. In diese Kategorie fallen alle Sportarten, die beispielsweise bei den Olympischen Spielen vertreten sind – denn reine Wettkampfspiele sind vor allem im Sport zu finden –, aber auch die meisten Brettspiele. Doch obwohl Pädagogen ihre Schützlinge lieber nicht in Wettkampfsituationen sehen möchten: Kinder finden Wettkampfspiele großartig – und möchten so, so gern gewinnen. Hüther und Quarch sehen das als unproblematisch an: Aus ihrer Sicht sind starke Emotionen, die man beim Gewinnen oder Verlieren durchlebt, vielleicht doch besser als ein wenig lebendiges, distanziertes Nebeneinander. Trotz des Konkurrenzcharakters ist das Wettkampfspiel immer noch ein Spiel: Man spielt, um zu spielen. Auf der anderen Seite können alle Arten von Spielen zu Wettkampfspielen umfunktioniert werden: ob bei einem Gesangswettbewerb, bei dem es in erster Linie um die Stimme geht, bei dem man am Ende aber doch gegeneinander antritt – und dem Gewinner Ruhm und Ehre winken. Oder bei „Wetten, dass“, wo Teilnehmer ihre ungewöhnlichen Talente unter Beweis stellen (Geschicklichkeitsspiel) und dabei gegen andere antreten. Und auch beim Skatturnier, das eigentlich ein Glücksspiel ist: Wird es als Turnier ausgetragen, geht es aber wieder darum zu gewinnen.

Kultspiele/Schauspiele

Kultspiele gehören zu der ursprünglichsten Form von Spielen. Wie auch bei anderen Spielen sind die zeitlichen und räumlichen Grenzen abgesteckt. Der Schamane markiert das Spielfeld und beginnt das „Spiel“ auf einer Bühne, die Ähnlichkeit mit einem Tempel hat: Hier wird es keinen Gewinner geben, hier soll nichts gelingen, aber am Ende wird sich etwas zeigen. Was, ist ganz zu Beginn noch ungewiss. Das Schauspiel ist mit dem Kultspiel verwandt. Dort – wie auch bei einer Ballettaufführung oder in einem Spielfilm – geht es darum, das Menschliche darzustellen. Es kommt zu einer Interaktion zwischen den einzelnen Spielern, zwischen den Spielern und dem Publikum oder zwischen den Spielern und den Spielregeln.[1]

Glücksspiele

Glücksspiele haben ihren Ursprung im Orakel. Der Spruch des Orakels war immer vom Zufall bestimmt. Darin lag sein Reiz. Auch im Spielcasino geht es darum, herauszufinden, ob das Glück einem treu ist. Dass man sich dabei in einem Spiel befindet, das nichts mit der Realität zu tun hat, wird unter anderem an der Abendgarderobe deutlich – sie ist als eine Art Verkleidung für das Spiel zu sehen. Beim Roulettespiel oder Blackjack muss es dem Spieler egal sein, wie es am Ende ausgeht. Wer sich ins Casino begibt, um zu gewinnen, ist kein Spieler mehr. Das Spiel hat aufgehört, eins zu sein; es geht nur noch um den Gewinn. Deshalb sind auch Automatenspiele keine echten Spiele. Dasselbe gilt für Fußballwetten: Es zählt nicht mehr das Spiel an sich, die Fertigkeit der Sportler, sondern nur noch der Endstand und somit der Gewinn.

Spiele der Erwachsenen

Spielen auch Erwachsene? Die Antwort auf diese Frage kann man gar nicht so einfach geben. Manche spielen mehr, andere weniger. Jeder Mensch hat sicherlich Momente, in denen er spielt. Beispielsweise wenn er vor einer Entscheidung alle Möglichkeiten durchspielt. Manche Berufsgruppen sind wahre Spieler: Die einen spielen mit Farben und malen Kunstwerke, die anderen mit Worten und lassen Romane und Gedichte entstehen, andere auf Musikinstrumenten und wiederum andere spielen mit Holz oder Ton, die sie zu Skulpturen verarbeiten.

Aber der überwiegende Teil unserer Gesellschaft ist vom ökonomischen Denken durchdrungen. Die Frage ist hier immer dieselbe: „Was ist hier für mich drin?“ Die Werte der Ökonomie sind Effektivität, Funktionalität, Produktivität und Profitabilität; ursprünglich waren sie auch tatsächlich nur in der Wirtschaft zu finden. Zunehmend dringen sie aber in andere Lebensbereiche vor: Gesundheitswesen, Kultur und sogar Religion. Selbst im Kindergarten werden die Pädagoginnen nicht daran gemessen, ob sie Gutes für die Entwicklung der Kinder tun und etwas in den Köpfen der Kinder verändern, sondern ob sie wirtschaftlich und effizient arbeiten. Unser Leben ist ernst geworden: Ernst bei der Arbeit, in der Wirtschaft und Industrie, Ernst in der Politik. Für Spiel und Spaß bleibt da wenig Raum. Die meisten versuchen, das Beste aus sich zu machen, möglichst nach oben zu kommen, viel Geld zu verdienen. Das ist wichtiger als unsere eigene Entwicklung – bei der wir auf der anderen Seite unsere Möglichkeiten erkunden und erforschen.

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Doch vielen Menschen macht diese fehlende Leichtigkeit, das ständige Abarbeiten von Aufgaben zu schaffen: Psychosomatische Krankheiten häufen sich, viele leiden am Burnout und manche sind einfach nur unglücklich und wissen gar nicht so recht, warum. Dabei sind sie von aktiven Spielern im Lebensspiel zu bloßen Konsumenten geworden: Hat man früher im Theater mitgelitten, wird heutzutage das Geschehen auf der Mattscheibe bloß konsumiert. Man schaut sich an, was einem geboten wird – und greift währenddessen in die Chipstüte. Das Spiel, welcher Art auch immer, wird zum Entertainment. Auch Menschen, die sich in Spielhöllen aufhalten oder sich exzessiv mit Onlinespielen beschäftigen, suchen dort etwas, was sie im realen Leben nicht finden. Ob dieser Weg zum Erfolg führt, ist fraglich.

König Fußball

Wie viel Spiel steckt eigentlich im Fußball? Im Grunde genommen sehr viel. Es ist eine Mischung aus Schauspiel, Glücksspiel, Geschicklichkeitsspiel und Wettspiel. Die Elemente, die für alle Spiele charakteristisch sind, sind auch hier zu finden: Es gibt klare Regeln, das Spiel ist zeitlich und räumlich begrenzt. Die Spieler tragen Spielkleidung. Die Zuschauer im Stadion, die ebenfalls an ihrer Verkleidung auszumachen sind, sind direkt beteiligt und gehen mit. Fußball ist eins der wenigen Spiele auf der Welt, das wirklich viele Menschen verbindet: Das Endspiel der WM 2014 schauten sich zeitgleich 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt an. Und doch ist das Spiel durch und durch geprägt vom Ökonomismus: Das wird nicht nur durch die im Sekundentakt wechselnden Werbebanner und die Logos auf den Spielertrikots deutlich. Immer wieder kommt es zu Korruptionsfällen, Wettskandalen und anderen Machenschaften. – Philip Lahm, ehemaliger Kapitän der deutschen Mannschaft, hat das Wesen des Spiels erfasst, als er einmal sagte: „Wenn ich während des Spiels an die Siegprämie denke, kann ich nicht mehr spielen.“

Die ersten Erlebnisse, die uns in Richtung des Ökonomismus gehen lassen und durch die wir zu einem Homo oeconomicus werden, haben wir während unserer Kindheit: Wir sind den Wünschen, Erwartungen, Bewertungen und Erziehungsmaßnahmen unserer Eltern ausgesetzt und fühlen uns als Objekte. Später versuchen wir, dieser Rolle zu entfliehen, indem wir wiederum andere zu Objekten machen: ob als Politiker, Unternehmer, Marketingprofis oder, oder, oder. Bloß kann dies nicht jedem gelingen: Diejenigen, bei denen es nicht klappt (weil sie beruflich keine so hohe Position ergattert haben), fühlen sich frustriert, sind unzufrieden mit ihrem Leben, verfallen in die Passivität, fühlen sich als Opfer der Verhältnisse und geben sich schließlich mit ihrem Schicksal ab.

Diese Menschen fühlen sich nicht als Gestalter ihres eigenen Lebens. Sie haben nicht das Gefühl, etwas Besonderes zu sein – und flüchten in den Konsum: Sie kaufen Schuhe, kostspielige Autos, ein neues Smartphone oder gehen auf Reisen. Und je mehr es von diesen Menschen gibt, desto besser floriert die Wirtschaft, die Schuhe, Autos und Smartphones hervorbringt und die dem frustrierten und gelangweilten Bürger alle erdenklichen Formen des Entertainments bietet.

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Leider erfasst der Ökonomismus auch zunehmend unsere Kinder – und dazu tragen wir teilweise bei: Greifen wir in ihr Spiel ein und konfrontieren sie mit unseren Erwartungen und Belehrungen, machen Vorgaben, hören die Kinder auf zu spielen. Nun warten sie ab, bis wir ihnen sagen, was sie genau machen sollen – und wie sie es machen sollen. Von selbst werden sie von nun an nicht mehr aktiv und kreativ, sondern geraten in eine Erwartungshaltung. Wenn dann aber niemand mehr da ist, der ihnen sagt, was sie zu tun haben, kommt Langeweile auf. Die Kinder wissen nichts mit sich anzufangen und werden zu Konsumenten. Das spielt den Herstellern von „Langeweile-Vertreibungs-Produkten“[2] in die Karten: Sie denken sich immer dollere Formen der Unterhaltung für die Kleinen aus, die die Eltern kaufen, kaufen und noch einmal kaufen, um ihre Kinder zu beschäftigen. Die Unmengen an Spielzeug erzeugen, wenn sie ausgespielt haben, umso mehr Langeweile. Und diese Langeweile wird zunehmend sogar in unserem Umfeld sichtbar: zubetonierte Flächen, auf denen hier und da mal ein Spielgerät steht, statt (verwilderter) Parkanlagen, Schutthalden und Abenteuerspielplätzen – weil viele Kinder einfach nicht mehr zu spielen vermögen.

Suchtfaktor: positiv

Immer wieder wird vor Onlinespielen gewarnt – ist da was dran? Leider ja. Bei vielen Onlinespielen fehlt ein wichtiges Element, das alle anderen Spiele gemeinsam haben: die zeitliche Begrenzung. Das Spiel ist nie zu Ende, es geht immer weiter, immer neue Herausforderungen warten auf den Gamer. Das Gefährliche daran: Der Spieler kommt nicht mehr davon los und verlebt einen Teil seiner Freizeit in einer Parallelwelt. Die Spielehersteller werben oft mit einem Suchtfaktor – dabei ist dieser tatsächlich nicht zu unterschätzen: Kinder und Jugendliche können süchtig werden und brauchen dann Hilfe.

Couch Potatoes

Wohin führt die Konsumhaltung, die wir mittlerweile bereits als Kinder lernen? Es zeichnet sich ab, dass viele Berufsfelder, die es heute gibt, bald von Algorithmen übernommen werden. DiverseBranchen werden betroffen sein, unter anderem in den Bereichen Elektro, Metall, Maschinenbau, Sekretariat, Finanzen, Verkehr, Logistik und Transport, Chemie, Textil, Lebensmittel und Getränke. Es trifft die Telefonistin, den Buchhalter, den Lagerarbeiter, die Modeschneiderin, den Konditor und, und, und. Was bleiben wird, sind Berufsfelder, in denen Kreativität oder beispielsweise Empathiefähigkeit eine Rolle spielen. Alle anderen Berufe, die einfache und repetitive Tätigkeiten darstellen (Tätigkeiten also, die gar keinen Spaß machen), fallen weg. Die Menschen, die bisher solchen Berufen nachgegangen sind, haben keinen Antrieb mehr von außen und bleiben auf dem Sofa sitzen. Diese Menschen würden, so spinnt Gerald Hüther seine Vision weiter, das bedingungslose Grundeinkommen erhalten und sich zu Hause langweilen. Um dem entgegenzusteuern, tauchen sie in virtuelle Welten ein. Die kostspielige Technologie der VR-Brillen wiederum ist von der Gamingindustrie finanziert. Die Menschen bleiben in dieser schönen neuen Welt für sich, die Familie und die Kinder bleiben auf der Strecke. Die Einzigen, die davon nicht betroffen sein werden, sind Menschen, die gern arbeiten – weil in ihrem Leben das Gestalten und Entdecken im Vordergrund steht und sie sich selbst beschäftigen können.

Spaß bei der Arbeit

Die spielerische Herangehensweise ist nicht nur wichtig, um Spaß bei der Arbeit zu haben. Sie liefert auch bessere Ergebnisse. Sich einer Fragestellung spielerisch zu nähern bedeutet, nicht an das Naheliegende zu denken, sondern erst einmal seine Gedanken schweifen zu lassen. Nicht unter Druck und am besten auch nicht am Schreibtisch. Die besten Ideen kommen uns, wenn unser Tun gerade zweckfrei ist, wir keine Absichten verfolgen – wenn wir unsere Gedanken schweifen lassen und sie sich dann von allein zu einem großen Ganzen fügen.

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Bahnbrechende Innovationen entstehen nicht, wenn wir innerhalb eines Zeitlimits ein Ergebnis liefern sollen. Sie bauen auch nicht auf bereits Vorhandenem auf. So war die Entdeckung des Verbrennungsmotors, mit dem man ein Fahrzeug antreiben konnte, eine solche kreative Leistung – was folgte, waren Weiterentwicklungen und spezifische Einsatzmöglichkeiten: Wohnwagen, Cabrio, Geländewagen. Diese linearen Innovationen lassen sich durchaus durch Wettbewerbsdruck erzeugen, für echte kreative Leistungen gilt das aber nicht. Dafür braucht man „Spielräume“. Auch die Entwicklung von Raketen, der Flug zum Mond, herausragende Kunstwerke waren so nicht geplant, sondern sind mehr oder minder durch Zufall und Herumprobieren entstanden.

Die besten Ideen entstehen ohnehin, wenn wir mit anderen zusammenspielen. Dann nämlich kommt es zur Kokreativität: Ein Gedanken baut auf dem eines anderen auf; die Gedankenblitze befeuern sich gegenseitig. Am Ende steht etwas, was wir allein so ganz sicher nicht zustande gebracht hätten. Keine Summe der einzelnen Ideen, sondern etwas, was darüber hinausgeht. Der andere ist dabei Mitspieler, kein Konkurrent.

Gerald Hüther leitet die Akademie für Potentialentfaltung in Göttingen – und erzählt von einem Fall, bei dem durch Kokreativität eine Höchstleistung zustandegekommen ist: Er hat ein Team von Thüringer Amateurfahrern begleitet, das am Race Across America, einem der härtesten Radrennen, teilnehmen wollte. Die Teammitglieder kamen im Training nicht weiter, bei einfachen Testläufen lagen sie sich in den Haaren – da würde es mit einem Rennen von der Ost- zur Westküste der USA sicher nichts werden. Hüther brachte ihnen bei, wie man zusammenarbeitet, spielerisch ausprobiert, was alles möglich ist, sich gegenseitig einlädt, ermutigt, inspiriert. Das Ergebnis: Das Team schaffte es nicht nur, ans Ziel zu kommen, sondern belegte den ersten Platz. Ganz ohne Sponsoren, wie sie die amerikanischen Sportler beispielsweise hatten.

Aber nicht nur wenn es um außergewöhnliche Leistungen geht, bringt uns das Spiel weiter. Man kann das ganze Leben als Spiel sehen. Das wäre Lebenskunst in ihrer reinsten Form – im Gegensatz zur Lebenstechnik. Wobei dieses Kunstwerk des eigenen Lebens nie fertiggestellt ist. Immer geht es weiter, es kommen neue Mitspieler hinzu, die einem neue Sichtweisen aufzeigen, uns eröffnen sich neue Gestaltungsräume, in denen wir unsere Potenziale entfalten können. Bei immer neuen Mit- und Gegenspielern sollten wir uns nicht auf gelernte Fertigkeiten und Techniken verlassen, sondern immer neue Spielzüge ausprobieren. So bleiben wir lebendig, erkunden unsere Möglichkeiten, entfalten die in uns schlummernden Potenziale, fühlen uns mit anderen verbunden – und regenerieren uns ganz nebenbei.

Der Begriff Spiel hört sich nach etwas Privatem an. Doch Quarch und Hüther legen uns nahe, auch in anderen Bereichen zu spielen. So nimmt jeder in seinem Leben verschiedene Rollen ein: ob als Reinigungskraft, Geschäftsführerin, Kleinkünstler, Vater, Lebenspartner oder Squashspielerin. Wichtig ist, sich mit seinen Rollen nicht zu identifizieren, sondern auch diese spielerisch zu nehmen. Denn es kommt immer wieder vor, dass ich mein Ziel innerhalb einer Rolle nicht erreiche – durch die Abkoppelung von der Rolle ist mein Ich aber nicht gefährdet. Das Tolle am Spiel des Lebens ist, dass wir immer neue Rollen erkunden können.

In welchen Bereichen kann man noch spielen? Nehmen wir doch zwei heraus: innerhalb von Unternehmen und in der Politik. Ja, Politik. Doch erst zur Wirtschaft: Unternehmen, die gut sein und wirklich etwas erreichen wollen, brauchen Visionen, denn nur die führen sie zu Innovationen. Auch hier gilt: Eine Firma kommt nicht unbedingt dann voran, wenn sie Bestehendes weiterentwickelt. Weitergedachte Produkte sind keine echten Neuerungen. Was wirklich neu ist, ähnelt eher einem Kunstwerk.

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Aber auch im Bereich Sales, bei dem es ums Verkaufen geht, ist es möglich zu spielen. Da noch am meisten. Das Vorgehen dabei kann man sich von einem „Verkaufsgespräch“ auf einem Basar abgucken, das eher einem Spiel ähnelt denn einer richtigen Geschäftsverhandlung. Mit Leichtigkeit wird hier gehandelt – und am Ende sind Käufer und Verkäufer im besten Fall zufrieden, dass sie eine für beide Seiten befriedigende Lösung gefunden haben.

Doch nun zur Politik: Auch das Parlament kann durchaus als Spielraum dienen – für ernste Spiele. Auch hier gibt es Spielparteien, die miteinander ringen, damit sich am Ende etwas zeigt: nämlich was die beste Vorgehensweise mit Blick auf ein Thema ist. Damit offenbar wird, welche Entscheidungen zu treffen sind. Leider wird in der Politik nicht mehr gespielt, weil sich die Spieler zu sehr mit ihren Rollen identifizieren und es ihnen darum geht zu gewinnen und ihren Standpunkt und den ihrer Partei durchzusetzen. An das Allgemeinwohl wird selten gedacht.

Die heilende Wirkung des Spiels

Doch wieder zurück zu den Kindern: Welchen hohen Stellenwert das Spiel bei ihnen hat, wird auch in der Spieltherapie deutlich, die vor allem durch Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, Bekanntheit erlangt hat. Anna Freud beobachtete, wie Kinder oftmals das spielten, was in ihrem Leben direkt passierte.

Kinder spielen das nach, was sie anders nicht ausdrücken können: ihre Vorstellungen und Bedürfnisse, Erfahrungen und Ängste sowie die Konflikte, die sie mit anderen erleben. Die Probleme in ihrem Leben werden im Spiel offensichtlich, oftmals auch ihr inneres Erleben. Durch die Spieltherapie, die auch als Psychotherapie für Kinder bezeichnet wird, ist es möglich, bei Kindern Traumata aufzulösen, aber auch Störungen im Gefühlsleben. Dinge, die die Kinder belasten, können so beseitigt werden.

Die Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Marburg ist auf eben diesen Themenbereich spezialisiert. Spielt der Therapeut mit einem Kind, ist dies für beide eine Möglichkeit, sich zu begegnen und im weiteren Verlauf des Spiels, das meist über mehrere Sitzungen fortgesetzt wird, gemeinsam die Themen des Kindes zu bearbeiten.

Oftmals lässt die Therapeutin dem Kind freie Hand bei der Auswahl des Spielzeugs; sie fragt nur, ob sie mitspielen darf. Der Wunsch des Kindes wird immer respektiert. Entscheidet sich ein Kind beispielsweise dafür, mithilfe von Blöcken eine Mauer um sich herum zu bauen, ist dies ein Hinweis auf eine Distanzproblematik. Hier sind Kontrolle und Vertrauen die zentralen Themen. Gelingt es der Therapeutin, das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, meist dadurch, dass sie sein Handeln akzeptiert, hat das Kind die Möglichkeit, sich zu öffnen – und die erwachsene Person kann mit ihrer Arbeit ansetzen.

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Es können aber auch andere Spielzeuge zum Einsatz kommen. In einer Beispielszene mit Handpuppen lässt die Therapeutin das Mädchen, das behandelt wird, zwischen einer Schildkröte und einem Krokodil wählen. Das Mädchen entscheidet sich für das Krokodil – und frisst im Spiel die Schildkröte. Die Wahl der starken Position könnte auf eine Angststörung oder eine depressive Erkrankung hinweisen und auf ein geringes Selbstwertgefühl. Auf all das also, wofür die Schildkröte steht – doch die ist am Anfang noch viel zu nah an der eigenen Person. Im Verlauf einiger Spielsitzungen entscheidet sich das Mädchen irgendwann für die Schildkröte, nämlich dann, wenn es sich stark genug fühlt, und schlägt das Krokodil in die Flucht. Dieser Rollenwechsel ist ein richtiger Therapieerfolg: Das Mädchen überwindet seine Ängste und kann von da an ein selbstbestimmtes Leben führen.

Nachspiel

Manch einer fragt sich, wo wir hinkämen, wenn jeder das machen würde, was er möchte. Wie wir gesehen haben, lautet die Antwort: sehr weit. Deshalb ist es Zeit, das Spiel in unser Leben zu lassen. Wer beim Spielen die Zeit vergisst, ist glücklich und hat keine Wünsche mehr. Wer keine Wünsche hat, wird nicht zum Konsumenten. Zum Glück sind neue Generationen dabei, die alten Verhaltensmuster und Denkstrukturen abzulegen. Sie haben Spaß daran, Dinge zu entdecken, ihr Leben zu gestalten und spielerisch auszuprobieren, was so alles geht. Fördern wir sie doch dabei: Lassen wir die Kinder spielen!

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QUADRO ist Spielen

Warum beschäftigen wir uns mit so interessanten und komplexen Themen wie dem Spielen? Weil es uns dabei hilft, Kinder besser zu verstehen – diese Erkenntnisse fließen ganz von alleine und nebenbei in die Entwicklung neuer Produkte und Spielideen ein. Denn darum geht es bei QUADRO: unbefangen und selbstbewusst kreativ zu werden, ganz nebenbei Innovationen möglich werden zu lassen und richtig gutes Spielzeug für Kinder zu bauen.

QUADRO, das ist Spielen in seiner reinsten, ursprünglichsten Form. Ein Baukasten lädt zum selbstvergessenen Spielen, Klettern, Rutschen und Planschen ein. Und das über Stunden. Es dient als Kulisse zum Rollenspiel – ob dein Kind nun gerade Astronautin sein möchte oder Burgritter: Hier ist alles möglich.

Das Tolle dabei: Dein Kind kann sich sogar etwas ausdenken, woran selbst wir QUADRO Bauer bisher nicht gedacht haben. Das finden wir gut – denn auch wir lernen gern spielerisch dazu.

[1] Genau aus diesem Grund hatte Helge Schneider vor Kurzem seine Vorstellung abgebrochen, als er wegen der Distanz zum Publikum nicht das Gefühl hatte, in einem Dialog zu sein.
[2] Zitat Quarch.

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